Die Ortsvertriebenen werden nicht zu einem radikalisiert-aktiven oder stumpf-passiv dahinvegetierenden Barackenproletariat werden; sie sind vielmehr dazu befähigt, stärkste Antriebskräfte für einen Umbau des wirtschaftlichen und des gesellschaftlichen Lebens hier bei uns zu entwickeln; darum geht es, und nicht etwa nur um die Fürsorge und wirtschaftliche Hilfe zugunsten der Vertriebenen, denen damit quasi nur die Rolle von Objekten einer charitativen Tätigkeit anderer Volkskreise zufiele. So etwa lauten die Thesen, die Dr. Lemberg auf der unter dem Motto "Deutsche Initiative" stehenden Frankfurter Kundgebung der "Wirtschaftspolitischen Gesellschaft" letzthin aufstellte. Der Redner führte dazu unter anderem Folgendes aus:

Mit den Vertriebenen sind Angehörige der verschiedensten Schichten und Berufe hierhergekommen. In ihrer neuen Heimat ergibt sich durch das Zusammentreffen so verschiedenartiger Elemente zunächst ein Prozeß der Auflösung, ja Zersetzung der bisherigen einheimischen Gesellschaft. Die zufällige Ansiedlung in Gegenden, die wirtschaftsgeographisch nicht vorbereitet waren, die Zerreißung jener früheren Wirtschaftsorganismen von stammlichen und religiösen Gruppen, dazu die Deklassierung der meisten Vertriebenen: all dies kennzeichnet diesen Zersetzungsprozeß. So werden die Vertriebenen als eine Belastung der wirtschaftlichen und sozialen Struktur empfunden.

Nun aber repräsentieren die Vertriebenen selbst ein ungeheures Reservoir an wirtschaftlichen und geistigen Kräften. Sie sind vielfach von starker Begabung und von situationsbedingten außergewöhnlichen Energien getrieben. Das zeigen Untersuchungen über die Schulleistungen der Flüchtlingskinder, über die Arbeitswilligkeit der jugendlichen Vertriebenen und andere Beobachtungen des täglichen Lebens. Zweitens aber lebt in den Vertriebenen ein leidenschaftlicher Wille zu persönlichem Aufstieg und zu gesellschaftlicher Differenzierung. Dies eben bewirkt, daß die Vertriebenen – anders als erwartet – eben nicht zu jener amorphen Masse werden, die zur Trägerin gewaltsamer Umstürze prädestiniert zu sein pflegt, sondern in sich selbst die stärksten Kräfte zur sozialen Gestaltung haben. Drittens steckt in ihrer Situation ein entscheidender – auch politischer und geistiger – Impuls. Was die Deutschen, als das in die tiefste Krise gestürzte Volk, für das übrige Europa bedeuten, das bedeuten die um all ihre Voraussetzungen in Tradition, Besitz und Heimatbindung gebrachten, zum Umdenken von Grund auf gezwungenen Vertriebenen. Das Bedürfnis nach geistiger Selbstbehauptung nötigt sie dazu, sich in einer Funktion für ein größeres Ganzes, eben für Deutschland und für Europa, zu rechtfertigen.

Auf diese von Seiten der Vertriebenen ausgehenden Impulse richtig zu reagieren ist die verantwortungsvolle Aufgabe unserer Gesellschaft. Der Einbau der bedeutenden brachliegenden Kräfte in unser Wirtschaftsleben darf nicht durch Konkurrenzfurcht gehemmt werden. Ein gewisses Maß von Lenkung ist notwendig, damit jene Kräftereserven auf sonst unausgeschöpfte Möglichkeiten in der heimischen Landschaft und Wirtschaft treffen können. Der Lastenausgleich darf nicht zu einem Tauziehen zwischen Gebenden und Nehmenden werden; er müßte ein "Marshall-Plan im Kleinen" sein. Die soziale Frage ist nicht durch Renten zu lösen, die stets zu einer Rentenpsychose führen, sondern durch Starthilfen, speziell über eine vertretbare (unbürokratische!) Kreditgewährung. Bei allem aber muß der Wille der Vertriebenen zu geistiger Selbstbehauptung und zu persönlichem Aufstieg angesprochen werden. (gekurzt)

u. f.