Alle reden vom Verkehrsinfarkt. Schon vor zwei Jahren kam das Umweltbundesamt in Berlin zu der Erkenntnis: "Insgesamt muß aus Umweltsicht das Ziel verfolgt werden, die Zunahme des motorisierten Straßenverkehrs zu verringern." Der Vorstandschef des Großunternehmens Asea Brown Boveri sprach kürzlich treffend aus, was jeder jeden Tag erlebt: "Besonders in den Großstädten sehen sich die Verkehrsplaner mit praktisch unlösbaren Problemen konfrontiert." Selbst Denker der Deutschen Bank kamen zu der alarmierenden Schlußfolgerung: "Ohne tiefgreifende Umgestaltung droht unser Verkehrssystem zu kollabieren" (siehe Seite 41).

Nur einer predigt ungetrübten Optimismus: Umweltminister Klaus Töpfer. Frohgemut verkündete er vergangene Woche dem im Dauerstau steckenden Volk, daß "wir mit unserem integrierten Konzept auch künftig die ökologischen Herausforderungen des Verkehrs bewältigen".

Töpfer pries nicht nur die Erfolge Bonns bei der Einführung bleifreien Benzins und bei der Durchsetzung des Abgaskatalysators. Als wenn die dreißig Millionen Autos im Westen das Land nicht zu erdrücken drohten, als wenn nicht die zunehmende Autoflut nun auch im Osten einen steigenden Blutzoll forderte, als wenn die Lawine der Einspritzer und Sechzehnventiler während ihrer Lebensdauer nicht ein Dauerproblem darstellte, machte Töpfer wahlkampfwirksam ausgerechnet mit einer fast bizarren Idee Schlagzeilen: Er drohte mit einem Pfand auf Autos.

Nach einer schon Monate andauernden Diskussion über Pfandsysteme für Verpackungen entdeckte der Bonner Minister nun auch ausgediente vierrädrige Vehikel als Müllproblem. Nach seinem Vorschlag sollen in Zukunft die Schrottautos mittels Pfand zu den Autobauern zurückdirigiert werden. Weil die sich keine Entsorgungsprobleme aufhalsen wollen, so hofft Töpfer, werden sie schon bei der Konstruktion und bei der Materialauswahl auf unkomplizierte Recycling- und Entsorgungsmöglichkeiten achten. Es geht dabei um den wachsenden Anteil verschiedener Plastiksorten und teilweise hochgiftiger Chemikalien im Auto. Die Karosse selbst wandert schon heute zurück in die Stahlfabriken.

Töpfers Vorschlag fand freilich bei den Adressaten keine Gegenliebe. Die Hersteller wollen sich von dem Politiker nicht in die Pflicht nehmen lassen. Doch der sich anbahnende Dauerkonflikt findet auf einem Nebenkriegsschauplatz statt.

Nicht die Schrottautos, sondern die fahrenden und stehenden Autos sind das Problem: Noch nie kam aus den Abgasrohren von Pkw und Lkw so viel Schmutz wie heute. Trotz aller Umwelt- und Energiespartechnik verbrauchen die Autos heute dank stärkerer Motoren nicht weniger Sprit als vor fünfzehn Jahren. Und weil immer mehr Autos über die Pisten rollen, hat der Straßenverkehr noch nie eine so große Menge des klimabedrohenden Kohlendioxids (CO 2) produziert.

Das Desaster namens Straßenverkehr zeigt in aller Deutlichkeit: Die Umweltpolitik ist mit ihrem Latein am Ende. Das ist nicht primär Töpfers Schuld. Denn der Minister hat kein Geld, keine Fachleute und erst recht keine Kompetenzen, um eine umweltgerechte Verkehrspolitik aus einem Guß zu betreiben. So bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich um Autoschrott zu kümmern oder am Abgasrohr noch einen besseren Filter vorzuschreiben. Doch wo bleibt die seit Monaten angekündigte Abgabe auf Treibstoff – sei es als neue CO 2-Abgabe oder als höhere Mineralölsteuer? Wo die allenthalben propagierte stärkere Förderung des öffentlichen Nahverkehrs? Die überfällige Verzahnung von Umwelt-, Wirtschafts-, Finanz- und Verkehrspolitik ist nur ein frommer Wunsch.

So deutet alles darauf hin, daß der Straßenverkehr weiter bis zur Katastrophe wächst. Die Wende wird erst kommen, wenn sich der Verkehr weiter in Richtung Stillstand verdichtet hat. Ein Umweltminister, selbst wenn er nicht der Hauptschuldige ist, sollte dieser Apokalypse nicht auch noch seinen Segen geben. Fritz Vorholz