Von Raimund Hoghe

Herr B. hat seine Small-talk-Lektion gelernt. "Es ist etwas kühl für diese Jahreszeit." – "Dafür hatten wir drei schöne Tage im Mai", erwidert seine Tischnachbarin. Frau S. gibt zu bedenken: "Man muß ja auch an die Landwirtschaft denken." Herr Blühmel greift zum Glas: "Zum Wohl."

Loriot läßt den "Anstandsunterricht" in einem kahlen Unterrichtsraum spielen. Gisela Tautz-Wießner veranstaltet ihre "Lebensart"-Kurse im Speisezimmer ihrer stilvoll eingerichteten Berliner Altbauwohnung, die zum "Studio für zeitgemäße Umgangsformen und gesellschaftliches Knowhow" geworden ist.

Der Tisch ist gedeckt, die Kursteilnehmer werden erst später erwartet. "Das wunderschöne Geschirr und die Gläser", berichtet Frau Tautz-Wießner vorab, habe die Firma R. zur Verfügung gestellt. Im Gegenzug dürfe ein Mitarbeiter des Porzellanherstellers am Seminar teilnehmen. "So haben wir ein Joint-venture in Berlin", erklärt die ehemalige Stewardeß mit verbindlichem Lächeln und schenkt den Tee ein.

Als freie Mitarbeiterin des Protokollamtes des Landes Berlin betreut Gisela Tautz-Wießner seit 1970 "illustre Staatsgäste sowie Politiker und Diplomaten aus aller Welt". Bei nicht wenigen von ihnen beobachtete sie Unsicherheiten auf dem gesellschaftlichen Parkett. "Ich habe dann öfter mal Nachhilfestunden gegeben." Was sporadisch und auf Weiterempfehlung begann, habe sich schließlich zu einem richtigen Beruf ausgeweitet: Anfang des Jahres eröffnete Gisela Tautz-Wießner ihr "Lebensart"-Studio. Daß in Berlin bereits ein "Ton & Takt"-Institut existierte, störte sie nicht. "Es wird wohl zwei Schulen für zeitgemäße Umgangsformen in Berlin geben können", meint sie selbstbewußt und kennt die Zeitgeistblätter, die "einen verhaltenen Boom der Gesellschaftsseminare" registrieren.

Die Nachfrage steigt, der Markt wird größer. Gisela Tautz-Wießner denkt "vor allem an den Osten". Im Ost-Geschäft aktive Pharma-, Bank- und Versicherungsunternehmen hätten bereits signalisiert, ihr im kommenden Jahr Kursteilnehmer aus der ehemaligen DDR zu schicken, "schnell aufgestiegene Leute", die nun West-Formen zu lernen haben. "Sie mußten ja nie Kunden werben oder sich bemühen, sympathisch zu wirken. Die haben ganz andere Umgangsformen – als ob wir aus zwei Welten wären", bemerkt sie, und daß sie sehr gewillt sei, "diese zwei Welten zusammenzubringen".

"Kartoffeln mit dem Messer schneiden?" fragt Gisela Tautz-Wießner in Anzeigen. Im Gespräch verrät sie: "Ja, man darf’s eben doch." Wer diese Entscheidung getroffen habe, frage ich vorsichtig und werde auf den in den fünfziger Jahren vom Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverband geschaffenen Deutschen Fachausschuß für Umgangsformen hingewiesen. Der hat auch erlaubt, daß Frauen durchaus links vom Mann gehen dürfen. Es habe sich nämlich herausgestellt, erklärt Frau Tautz-Wießner, daß die meisten Frauen ihre Schultertaschen links tragen und es deshalb praktischer sei, links vom Mann zu gehen. Was zu tun ist, wenn zwischen Frau und Mann die Schultertasche des Herrn hängt, vergesse ich zu fragen.