Von Norbert Kostede

Was heute noch als Redeweise frustrierter Umweltschützer gilt, wird schon in wenigen Jahren ein Schlüsselbegriff der Weltpolitik sein: der Primat der Ökologie. Immer neue Schreckensmeldungen – vom Ozonloch bis zum Treibhauseffekt, von der Meeresverschmutzung bis zum Waldsterben – werden dafür sorgen, daß der erste Punkt auf den Tagesordnungen aller Regierungen und internationalen Organisationen lauten wird wie der erste Abschnitt in allen Parteiprogrammen und Konzernbroschüren: "Unser Beitrag gegen den Weltuntergang".

So lassen sich auch zwei aktuelle Debatten des Deutschen Bundestages überschreiben. An diesem Freitag geht es um nationale und internationale Aktionen zum Schutz der tropischen Wälder, am Mittwoch nächster Woche um einen Bericht mit dem schlichten Titel "Schutz der Erde". Ob die Spitzen der Bonner Parteien, ob gar der Bundeskanzler und sein Herausforderer an diesen Debatten teilnehmen werden? Dies wäre immerhin ein kleines Zeichen, daß Parlament und Regierung über die deutsche Vereinigung die größte Herausforderung unserer Zeit nicht vergessen haben – den Kampf gegen die Zerstörung des Planeten.

Voraussichtlich werden die Fachpolitiker aber wieder unter sich bleiben. Die elf parlamentarischen Mitglieder der Enquete-Kommission "Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre", über deren Zielsetzungen und Vorschläge der Bundestag debattieren wird, werden wohl ohne Bonner Prominenz und ohne großes Publikum auskommen müssen. Warum ist die Diskussion um die Lösung ökologischer Probleme ein so zähes und langwieriges Geschäft? Warum stoßen Umweltfragen auf ein so geringes Interesse?

Vielleicht liegt es daran, daß uns die Umweltschützer mit ihren Horrorbildern allmählich auf die Nerven gehen. Eine globale Warmzeit werde die Polarkappen zum Schmelzen bringen, Küstenregionen und Küstenstädte würden in den Meeresfluten versinken, die Wüsten würden sich ausdehnen, Hungersnöte Abermillionen "Klimaflüchtlinge" um den Erdball treiben: Selbst wenn diese Prophezeiung auf den Berechnungen und Klimamodellen seriöser Naturwissenschaftler aufbauen kann – die Deutschen lassen sich das Jahr ihrer Wiedervereinigung nicht durch düstere Prognosen vergällen.

Möglich, daß die Öffentlichkeit vor dem nüchternen Zahlenwerk der drohenden Klimakatastrophe zurückschreckt. An Daten und Statistiken mangelt es auch diesmal nicht. Unter dem Vorsitz des CDU-Abgeordneten Bernd Schmidbauer hat die Enquete-Kommission eine umfassende Bestandsaufnahme über den Treibhauseffekt und den Ozonabbau in der Stratosphäre vorgenommen. Sie verlangt ein weltweites Verbot des Ozonkillers FCKW bis zum Jahr 1997 die Kohlendioxid-Emissionen in der Bundesrepublik sollen bis zum Jahr 2005 um mindestens dreißig Prozent verringert werden. Zahlreiche andere Spurengase aus der Chemieproduktion, aus der Energie- und Landwirtschaft werden auf die rote Liste gesetzt.

Im Zentrum der künstlichen, durch den Menschen verursachten Klimaveränderungen steht der Energie- und Verkehrsbereich, dessen Anteil am Treibhauseffekt auf fünfzig Prozent geschätzt wird. Die Emissionen von Kohlendioxid durch Verbrennung von Öl, Gas oder Kohle sollen daher – so die Empfehlungen der Kommission – bis zur Mitte des nächsten Jahrhunderts weltweit um wenigstens fünfzig Prozent vermindert werden. Um dieses Ziel zu erreichen, müßten in den Industrieländern die CO2-Emissionen um achtzig Prozent reduziert werden. Dagegen käme es für die Entwicklungsländer darauf an, die derzeitigen Anstiegsraten der jährlichen Emissionen zu reduzieren (auf etwa fünfzig Prozent bis zum Jahr 2005); ihnen soll nicht verwehrt werden, sich dem wirtschaftlichen Niveau der Industrieländer anzupassen.