Von Wolfgang Weisgram

Alles, was weitläufiger ist als die Adria, verursacht in Wien Unbehagen. Oder romantisches, zuweilen auch ungläubiges Staunen. Wien ist – das hat nicht zuletzt die verworrene Angelegenheit um die versunkene Lucona bewiesen – ein guter Boden für die Mythen der hohen See.

Walter Voigt, Geschäftsführer der Firma Marine Invest, weiß das natürlich auch. Und hat wohl zu oft schon genau darauf antworten müssen, als daß er nicht gleich eine reflexartige Erklärung dafür hätte, warum ein auf Tiefsee-Bergung spezialisiertes Unternehmen seine Zelte gerade in der Wiener Burggasse aufgeschlagen hat, schräg gegenüber vom Geheimtip-Wirtshaus "Zu den zwei Lieseln", wo nicht nur keine Seefahrer verkehren, sondern augenscheinlich sogar in der Mehrzahl Nichtschwimmer.

"Deutschland", erläutert der Deutsche im Wiener Exil, "war uns einfach zu kompliziert." Österreich bot dagegen einen mehr oder weniger rechtsfreien Raum, in dem sich um einiges leichter ein Zimmer reservieren ließ. Für ein Projekt, das nur über ein Beteiligungsmodell zu finanzieren war. "In Deutschland hätten wir das nur unter den Augen von Wirtschaftsprüfern machen können. Und die hätten uns nie so schnell ein positives Gutachten ausgestellt." Denn das Projekt, das Walter Voigt da seit Jahren vorantreibt, heißt vor allem eins: Risiko. "Aber das haben wir auch nie verschwiegen. Im Gegenteil."

Konkret geht es dabei um mehrere tausend Tonnen Silber, teils in Barren, teils in saudiarabischer Münze, im Gesamtwert von rund 530 Millionen Mark. Das Problem: Das Silber befindet sich an Bord des amerikanischen Frachters SS John Barry, und der liegt rund 2600 Meter unter Wasser auf dem Grund des Arabischen Meeres. Die Barry befand sich, so erforschten Walter Voigt und sein mittlerweile verstorbener Kompagnon Michael Cannain in amerikanischen und deutschen Archiven, auf dem Weg von Philadelphia nach Dhahran, vollgestopft mit sogenannten Lend-lease-Gütern, mit denen die USA seit dem März 1941 die Alliierten unterstützten. Der Zufall wollte es, daß neben den Armee-Lastwagen, den Traktoren, dem Zement, den Lebensmitteln und Alkoholika, bestimmt für die Rote Armee, zwei voneinander unabhängige Schätze in den Frachtraum kamen, genauer in den Laderaum Nummer 3.

Genau 750 Kisten mit insgesamt drei Millionen saudiarabischen Riyal, geprägt von der Münze in Philadelphia, sollten als Geschäftshilfe an die Aramco, die Arabian American Oil Company, gehen. Der zweite Posten, exakt 1804 Tonnen reinen Silbers in Barrenform, war für die indische Nationalbank bestimmt, die damit hoffte die galoppierende Inflation in den Griff zu bekommen. Unter hohen Sicherheitsauflagen – der Laderaum Nummer 3 wurde zum Tresor umgebaut – ist der Schatz innerhalb von drei Tagen verschifft worden.

Am 28. August 1944 befand sich die SS John Barry nordöstlich von Aden, wegen der U-Boot-Gefahr auf einem Zickzackkurs, der ihr freilich nichts nützte. Kurz vor 22 Uhr schlug mittschiffs an Steuerbord einer von zwei Torpedos ein, die der deutsche U-Boot-Kreuzer U 858 abgefeuert hatte. Den Gepflogenheiten entsprechend, ließ Kommandant Johann Jebsen der Besatzung Zeit, sich mit den Rettungsbooten in Sicherheit zu bringen, ehe er dem Frachter den Fangschuß geben ließ, der das Schiff in der Mitte auseinanderriß.