Burg Hülshoff und Haus Rüschhaus liegen beide an einem Abzweig der für Radfahrer gedachten "100 Schlösser Route" durch das Münsterland. Und sie haben beide etwas mit Deutschlands großer Dichterin Annette von Droste-Hülshoff zu tun: Auf Hülshoff wurde sie 1797 geboren, in Rüschhaus lebte sie seit dem Jahre 1826.

Auf Hülshoff steht der Besucher in Filzpantoffeln andächtig vor jenem Sofa, von dem eine sonore Tonbandstimme auf Knopfdruck hin meint: "Hier hat die Dichterin gern gesessen." In Rüschhaus wandelt, wer durch den kleinen Park geht, ganz unmittelbar auf den Spuren der berühmten Frau. Ein junger Mann, für die Führung zuständig: "Hier erging sich die Droste sehr gern."

Auf Hülshoff sowenig ein Wort vom Werk der Dichterin wie in Rüschhaus. Das ist auch gar nicht nötig, denn, so der junge Rüschhäuser Erklärer, "an der Droste kommt in der Schule sowieso keiner vorbei".

Das allerdings stimmt so nicht, zumindest wenn der geistige Blick gesamtdeutsch schweift. Im Ostteil verstand es die Schule sehr wohl, Annette zu meiden. "Keine Droste in der Schule allhier", sagt ein erfahrener Deutschlehrer aus der ehemaligen DDR. Keine "Judenbuche", kein "Knabe im Moor". "Das ist sicher nicht untypisch für die DDR, daß die ausgeprägt auch christliche Autorin ausgesperrt wurde." Des Lehrers Urteil: "So kriegen die Schüler eben ein weitgehend männerdominantes Bild von Autoren beziehungsweise der Literatur schlechthin."

Daß ausgerechnet die DDR-Ausgabe von Drostes Werk in der "Bibliothek deutscher Klassiker" auf dem Sekretär ihres nachgestalteten Arbeitszimmers in Rüschhaus liegt – aufgeschlagen auf Seite 235, wo die "Judenbuche" beginnt –, ändert nichts daran, daß die Dichterin im Osten eine weitgehend Verschwiegene oder Vergessene ist.

Das mag sich schnell ändern. Weniger durch neue Ausgaben und hohe Auflagen. Sicher auch nicht sofort durch gütige Lehrplanaufnahme. Wohl aber durch einen der Größe der Dichterin angemessenen, obschon prosaischen Akt – der Herausgabe der neuen Geldscheine zu zwanzig Mark. Frank Pergande