„Reich ins Heim“

Annoncierung eines Stücks in einem Berliner Offoff-off-Theater

Juristische Trümmer

„Europa in Trümmern“ – so nennt Hans Magnus Enzensberger den 65. Band der von ihm herausgegebenen „Anderen Bibliothek“, erst im Greno Verlag, jetzt bei Eichborn in Frankfurt. Enzensberger hat die Reportagen aus der Zeit des Kriegsendes mit einem Nachwort versehen und die Erstauflage auch fast schon verkauft. Als der Verlag, wie es sich gehört, im Börsenblatt den Titel angemeldet hat, meldete sich kein Konkurrent. Jetzt, da das Buch Erfolg hat, schreit der Leopold Stocker Verlag, Graz/Stuttgart, ach und weh und fordert 100 000 Mark, falls die Auslieferung nicht sofort gestoppt werde. Grund: 1986 ist bei Stocker, den manche Verleger-Kollegen einen eher konservativen Gebirgsjägerverlag nennen, ein Buch gleichen Namens erschienen. Eichborns Entgegenkommen, wie branchenüblich, auf eigene Kosten den Buchhandel in einer Anzeige im Börsenblatt zu informieren und auf die Verwechslungsgefahr hinzuweisen, schmettert Stocker ab. Auch wenn die letzten Bücher dieser Ausgabe jetzt eingestampft werden müssen: Im Dezember erscheint bei Eichborn dieser wichtige Reportagen-Band in einer (preiswerten) Erfolgsausgabe – unter dem Titel „Europa in Ruinen“.

Neues Deutschland (3)

Gut deutsch sein heißt, sich entdeutschen. Das, worin man die nationalen Unterschiede findet, ist viel mehr, als man bis jetzt eingesehen hat, nur der Unterschied verschiedener Kulturstufen und zum geringsten Teil etwas Bleibendes. Deshalb ist alles Argumentieren aus dem National-Charakter so wenig verpflichtend für den, welcher an der Umschaffung der Überzeugungen, das heißt an der Kultur arbeitet ... Wenn nämlich ein Volk vorwärts geht und wächst, so sprengt es jedesmal den Gürtel, der ihm bis dahin sein nationales Ansehen gab; bleibt es stehen, verkümmert es, so schließt sich ein neuer Gürtel um seine Seele ... Hat ein Volk also sehr viel Festes, so ist dies ein Beweis, daß es versteinern will und ganz und gar Monument werden möchte ... Der also, welcher den Deutschen wohlwill, mag für seinen Teil zusehen, wie er immer mehr aus dem, was deutsch ist, hinauswachse. Die Wendung zum Undeutschen ist deshalb immer das Kennzeichen der Tüchtigen unseres Volkes gewesen. (Friedrich Nietzsche: „Menschliches, Allzumenschliches“)

Gerd Henniger

„So viele Stufen zum Himmel – mitten ins Leere hinein.“ Worte eines Wortmenschen. Worte, die für den Wortmenschen der Himmel waren. Gerd Henniger, Übersetzer, Essayist, Lyriker, 1930 in Chemnitz geboren, war ein Sprachgläubiger. Der leere Himmel war für ihn ein Ort, an dem die Sprache nichts anderes spricht als sich selbst. Ein Ort der „Räusper, Rülpser und Lippenfurze“, eine Kundgebung des Körpers, ein Wispern des edlen französischen Wortenichts. „Weiße Musik“ hieß sein letzter Gedichtband aus dem Jahr 1986 und war ein Wortspektakel. Mitten ins Leere hinein. Gerd Henniger hat die französische Moderne in Deutschland bekannt gemacht, hat die erste umfassende Auswahl der Werke Apollinaires herausgegeben, hat die „Hauptstadt der Schmerzen“ (natürlich Paris) von Paul Eluard wunderbar übersetzt, hat Henri Michaux, René Char und Antonin Artaud hierzulande vorgestellt. In seiner legendären Schriftenreihe das neue lot veröffentlichte er bereits in den dunklen fünfziger und frühen sechziger Jahren Werke von Maurice Blanchot und Francis Ponge. In seinem Essayband „Spuren ins Offene“ ist zu lesen, was ihn an den unteutschen Dichtern so fasziniert hat. Anarchie, Rätsel, Wunder. Am 14. Oktober ist Gerd Henniger, sechzig Jahre alt, in Berlin gestorben.