Sonja, die Dorfschullehrerin

Die Küche in dem Bauernhaus ist blitzsauber, das Kind schon im Bett und der Ehemann bei Verwandten, als Sonja ihre Geschichte erzählt. Sie ist aufgeregt, sagt, daß sie mit all dem, was zur Zeit in der DDR passiert, nicht fertig wird. Soll denn alles falsch gewesen sein? Nein, bestimmt nicht, meint sie energisch. Ihr Gesicht ist rund und jung, fast ein wenig kindlich. Mit jemandem aus dem Westen all das zu diskutieren, was sie so ungeheuer bewegt, bedeutet ihr sehr viel. Vom Westen selber hält sie nichts.

Sonja ist 28 Jahre alt, sie lebt auf dem Land in der Nähe von Chemnitz. So, wie sie ihre Lebensgeschichte erzählt, ist es ein Stück DDR-Geschichte. Private Ereignisse wie Hochzeiten, Urlaube oder kleine Familienkatastrophen kommen in ihrer Erzählung nicht vor; für Sonja sind diese Dinge nicht so wichtig. Statt dessen gibt sie Einblick in eine Gesellschaft, die den Idealisten viele Hoffnungen gemacht und sie durch ein Leben ohne nihilistische Zweifel geleitet hat.

"In den sechziger Jahren, als ich ein kleines Mädchen war, gab es keine Gleichberechtigung", beginnt Sonja. "Meine Mutter war zu Hause, und ich lernte von ihr viele ‚Frauendinge‘, Toleranz zum Beispiel und wie man mit weiblichen Tricks seinen Willen bekommt. Ich hab’ früh zu Hause mitgeholfen, mit drei Jahren konnte ich schon bügeln und war stolz darauf. Meine Eltern waren sehr arm. Sozialismus hieß für sie, daß arm zu sein plötzlich kein Makel mehr war. Und sie waren sehr stolz. Von meinem Vater habe ich den Stolz und einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit mitbekommen." Sonjas Gesicht leuchtet, wenn sie von ihrem Vater erzählt.

An den Kindergarten hat sie keine guten Erinnerungen. Da lief es ihr zu uniformiert ab, der Tagesablauf war zerrissen, erzählt sie. Oft mußten die Kinder ihr Spiel unterbrechen, sich der Gruppe unterordnen. "Ich weiß eben nicht: War das geplant, oder war das zufällig, daß die Kinder immerzu in ihrem Tun unterbrochen wurden, bis sie sich daran gewöhnt hatten und sich durch mangelnde Eigeninitiative noch besser lenken ließen?"

Mit ihrer Liebe zur Gerechtigkeit wurde Sonja früh überzeugte Sozialistin. Immer hat sie sich empört, wenn Mitschüler ungerecht behandelt wurden, hat sich sogar für andere geprügelt. Aber Geschichte und Staatsbürgerkunde habe sie nie gemocht, und der SED stand sie sehr reserviert gegenüber. Der verbale Sozialismus, das "Gesenfe", wie sie sagt, zeigte ihr nur die Unstimmigkeiten zwischen Ideal und Realität auf. Davon gab’s viele. Heute meint sie, Stalin sei vielleicht schuld an den verzerrenden Vereinfachungen, die in der Schule und überall angeboten wurden. Trotzdem ist Sonja überzeugt, daß nur wenig zu ändern gewesen wäre, damit der Sozialismus hätte funktionieren können.