Von Roland Kirbach

Gelsenkirchen

Das Mittagessen sei heute ja wieder mal "gut gewürzt", meint Pfarrer Rolf Heinrich und lächelt die beiden Köche etwas gequält an. Es gibt Hackfleischbällchen mit Kartoffelscheiben in einer teuflisch scharfen Soße. Dafür ist der Nachtisch, Pudding mit Rosinen und Mandelsplittern, furchtbar süß. Außer Pfarrer Heinrich, seiner Frau und den Kindern sitzen zahlreiche Freunde und Gemeindemitarbeiter am Tisch. Seit einem halben Jahr herrscht hier, in der evangelischen Lukas-Gemeinde in Gelsenkirchen-Hassel, reges Leben. Der Grund dafür sind die beiden Bengalen Ahmed Nesar und Nurul Islam. Sie leben hier im "Kirchenasyl", und die vielen Menschen, die rund um die Uhr da sind, sollen verhindern, daß die Polizei die zwei abholt. Die beiden zeigen sich unter anderem dadurch erkenntlich, daß sie für die ganze Gesellschaft kochen.

Im Frühjahr 1986 waren der 32jährige Ahmed Nesar und der 28jährige Nurul Islam aus Bangladesch in die Bundesrepublik geflohen. Sie gehörten der oppositionellen Bangladesh Nationalist Party (BNP) an, die die Militärdiktatur des 1982 durch einen Putsch an die Macht gelangten Präsidenten Mohammed Erschad bekämpft. Ahmed lebte vor seiner Flucht ein Jahr lang im Untergrund. In Abwesenheit ist er, wie er sagt, inzwischen zu einer Gefängnisstrafe von sieben Jahren verurteilt worden. Von seinem zu Hause lebenden älteren Bruder weiß er, daß die Sicherheitspolizei in Bangladesch nach ihm fahndet. Nurul berichtet, er sei wegen seiner politischen Aktivitäten zu einer Haftstrafe von drei Jahren verurteilt worden. Außerdem liefen weitere Ermittlungen gegen ihn.

Unmittelbar nach ihrer Ankunft haben beide Asylanträge gestellt, die nach einem Jahr als "offensichtlich unbegründet" abgelehnt wurden. Die Lage in Bangladesch sei zwar "instabil", doch gefährdet seien nur "führende" Oppositionelle, nicht aber "einfache" Parteimitglieder wie Ahmed und Nurul, hieß es in der Ablehnung. 1987 löste Präsident Erschad das Parlament auf und verhängte den Ausnahmezustand. Die beiden Flüchtlinge stellten daraufhin einen "Folgeantrag", weil sie sich angesichts der verschärften Lage für noch gefährdeter hielten. Auch dieser Antrag wurde abgelehnt.

Vor dem Verwaltungsgericht Gelsenkirchen klagten sie dagegen, doch die Klage wurde abgewiesen, Berufung nicht zugelassen. Das Gericht stellte nicht nur in Abrede, daß die beiden zu Hause politischer Verfolgung ausgesetzt seien, es erklärte auch die vorgelegten Dokumente aus Bangladesch – Rechtsanwaltschreiben, Gerichtsurteile, Anklageschriften – zu Fälschungen: "Nach den Erkenntnissen der Kammer" könne "jedermann in Bangladesch" solche Urkunden bei Händlern kaufen.

Ahmed und Nurul wandten sich, mit Unterstützung von amnesty international, an den Petitionsausschuß des nordrhein-westfälischen Landtags – und wurden wieder abgewiesen. Schließlich zerschlug sich auch noch die allerletzte Hoffnung: Sie hatten beim Rat der Stadt Gelsenkirchen einen Bürgerantrag gestellt mit der Bitte, sie trotz der Ablehnung des Asylantrags zu dulden. Eine Kommune hat diese Möglichkeit, doch Gelsenkirchen lehnte ab. In ihrer Not – der Abschiebetermin rückte immer näher – suchten sie Zuflucht in der Lukaskirche. Die Gemeinde hatte zuvor bereits zweimal türkischen Familien in der Kirche Asyl gewährt; beide Familien durften in der Bundesrepublik bleiben.