Von Franziska Hundseder

Die Gegensätze könnten kaum größer sein: Peter Glotz, Vordenker der SPD, und Ernst Anrich, Chefideologe der NPD, der schon vor 1933 Nationalsozialist war und im Dritten Reich als Hochschullehrer Karriere machte, sind als Autoren vereint im Themenheft "Geistige Strömungen" der Zeitschrift Europa. "Da habe ich nicht genau hingeschaut", sagte Peter Glotz, als er später merkte, in welcher Gesellschaft er da erscheint.

Die Vierteljahreszeitschrift Europa aus Wesseling bei Köln wird vom Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen als das Blatt des "rechtsextremistischen Schulungszentrums Nationaleuropäisches Jugendwerk e.V." geführt. Vorsitzender dieser Institution ist der Mannheimer Rechtsanwalt Ludwig Bock, einst NPD-Bundestagskandidat und Verteidiger im Majdanek-Prozeß. Seine Mandantin hieß Hildegard Lächert, wegen ihrer Grausamkeit im KZ "blutige Brygida" genannt. Damals äußerte Bock in einem Interview Zweifel an der Existenz von Gaskammern. Die hätten möglicherweise der Reinigung von Kleidern gedient. In einschlägigen Kreisen gilt Bock auch heute als engagierter Anwalt, wenn es um Verfahren geht wegen Körperverletzung gegen Asylanten, Verstoß gegen das Kriegswaffengesetz oder Verwendung von NS-Symbolen. Doch nach eigener Auskunft läßt Bock seinen juristischen Beistand auch "Juden und Kommunisten" zuteil werden.

Von den Entgleisungen des Anwalts Bock distanziert sich Chefredakteur Harald Thomas heftig. Sein Blatt versteht sich als "Forum geistiger Auseinandersetzung mit dem Mut zu Neuem, das keiner politischen Richtung folgt". Aus der Vereinszeitung soll ein politisches Journal werden, in dem das "Links-Rechts-Schema" überwunden ist. Europa erscheint bereits im fünften Jahrgang und hat laut Pressehandbuch "Stamm" eine Auflage von 3500 Exemplaren.

Wer publiziert sonst noch in den "Geistigen Strömungen"? Neben Glotz und Arich erscheint der kalabresische Baron Julius Evola, einst Mussolinis Hofphilosoph und Verfasser der "Grundrisse der faschistischen Rassenlehre", der Republikaner Emil Schlee, Europaabgeordneter und bis vor ein paar Wochen Schönhubers Stellvertreter, Michael Walker, intellektueller Anführer der britischen neuen Rechten, und Ursula Haverbeck-Wetzel, Präsidentin des Weltbundes zum Schutz des Lebens, die an "alle um die Rettung ihres Volkstums bemühten Europäer" appelliert.

Peter Glotz befaßt sich in seinem Aufsatz mit der deutschen Rechten: "Gefährlicher als Schönhuber ist schon eine neue Rechte, die im offiziellen Bonn noch gar nicht registriert wird." Im Gegensatz zur erstarrten traditionellen Rechten sei eine gefährliche Ideologie entstanden, die konsequent, intelligent und in einer lebendigen Sprache von einer Vätergalerie der europäischen Rechten abgeleitet werde, wie Nietzsche, Ernst Jünger, Heidegger oder Carl Schmitt.

Zeitschriften wie Wir selbst, Mut, Aufbruch oder Criticón hätten ihren Autorenkreis bis zu den großen Intellektuellen der Konservativen vorgetrieben. – Dies gelang auch Europa, wo sich der Wertkonservative Gerd-Klaus Kaltenbrunner und Klaus Hornung, häufiger Akteur bei Filbingers Studienzentrum Weikersheim, zu Autoren der extremen Rechten gesellen.