Von Christina Pfannenschmidt

Eine Münchner Kundin rauscht herein, das weinrote Taftdirndl bauscht sich. Drei Schritte hinter ihr der hagere Ehemann. Madame stolziert durch alle Etagen. Zwei Schritte hinter ihnen ein Berater. Sie streicht hier über eine Tischplatte, schaltet da eine Leuchte an und läßt sich dort in ein gepolstertes Sofa fallen. Lautstark wird der Verkäufer ausgefragt. Dann rümpft sie die Nase, läßt noch einmal die Ringe blitzen und verschwindet aus dem Geschäft, drei Schritte hinter sich den Ehemann.

Den Berater wundert es nicht: "Jetzt, wo wir schließen, kommen die Leute gucken. Nun wollen die wissen, wie wir die Scheichs einrichten." Früher haben sie sich kaum über die Schwelle der "Vereinigten Werkstätten" getraut, nicht zuletzt wegen der stadtbekannten Arroganz der Verkäufer.

Die Schwellenangst ist weg. Denn die Vereinigten Werkstätten geben zum März 1991 auf. Der traditionsreiche Einrichtungsbetrieb, der es fast bis zum Hundertjährigen geschafft hat, umfaßte drei große Bereiche: die Handelskollektionen mit eigenen Textilien, Möbeln und Leuchten, den Objekt- und Einrichtungsbereich und schließlich die eigene Schreinerei, Polsterei und Näherei.

Als die Metropole davon erfuhr, "ging ein Aufschrei durch die Stadt", heißt es in München. Im Verkaufshaus am Amiraplatz ist die Veränderung zu spüren. Seit hier der Ausverkauf angekündigt wurde, ist das Haus voll. Neugierige befingern die Luxuswaren, bislang Gleichgültige genießen die Tuchfühlung, Stammkunden vergießen Tränen.

"Vielen geht es so wie uns", konstatiert die sonst so energische Chefin der Textilabteilung, "wir haben es alle gewußt, aber nicht geglaubt." Von 180 Mitarbeitern müssen die meisten eine neue Arbeit suchen. "Und wer kann uns schon bezahlen, was wir hier bekommen haben?" fragen sich die Kollegen hinter vorgehaltener Hand. Fünfunddreißig Prozent mehr Gehalt als bei der Konkurrenz konnte durchaus vorkommen. Die Stimmung im Verkaufshaus ist miserabel. Weder mit Häme noch mit Mitleid lebt es sich gut.

Wie das ist mit der Leichenfledderei, war in der Ridlerstraße – Sitz von Verwaltung und Werkstatt – im August zu erleben: Ballenweise wurden die Stoff-Kostbarkeiten aus eigener Herstellung abgegeben. Die Gnädige wies bloß mit dem Zeigefinger, und ein Chauffeur trug’s in den Rolls. Gewebe mit Geschichte zu einem Zehntel des Preises. "Die Schickeria hat hier Stoffe gekauft, die sie sich sonst nicht gönnt", sagt einer, der hinterm Tresen an der Schlacht teilnehmen mußte. "Da kommen noch bedrückende Stunden auf uns zu", sagt er resignierend.