Von Roland Peter

Frisch gekämmt gehen die Kinder in den Tod. Vor ihnen schreitet Janusz Korczak, zwei der jüngsten an den Händen haltend, eine zweite Gruppe führt seine Mitarbeiterin an, die Pädagogin Stefa Wilczyinska. Ihnen folgen einige Kinderschwestern in weißen Schurzen. Jedes der 200 Kinder trägt einen blauen Rucksack, gefüllt vermutlich mit Proviant. Spater erzählt man sich, Korczak habe ein Lied angestimmt, mit dem sich die Gruppe Mut zugesungen habe. Nachum Remba, Sekretär der jüdischen Gemeinde Warschaus, war Augenzeuge des Geschehens: "Im Gegensatz zur dichtgedrängten Menge, die wie Vieh zur Schlachtbank lief, begann nun ein Marsch, wie es ihn bisher noch nie gegeben hat."

Korczak, unter diesem Schriftsteller-Pseudonym bekannter als unter seinem tatsächlichen Namen, Dr. Henryk Goldszmidt, hatte eine angebotene Fluchtmöglichkeit ausgeschlagen und teilte sein Schicksal freiwillig mit dem der Kinder. Der Zug des Janusz Korczak Anfang August 1942 zu den Gaskammern von Treblinka war im judischen Viertel bald in aller Munde; später stärkte er als Symbol jüdischen Mutes den Widerstand.

Am 2. Oktober 1940, rund zwei Jahre bevor die Deportationen im Ghetto begannen, hatte der deutsche Gouverneur von Warschau, Ludwig Fischer, die Anordnung unterzeichnet, in der besetzten polnischen Hauptstadt ein jüdisches Viertel einzurichten. Rund 400 000 Menschen, ein Drittel der Warschauer Bevölkerung, wurden in einem Ghetto eingepfercht, das gerade 4,5 Prozent der Stadtfläche umfaßte. Mit vielen Zuzügen aus der Umgebung, dann auch aus Deutschland, erreichte die Zahl der Ghettobewohner 1941 fast eine halbe Million. Das Viertel war umgeben von einer drei Meter hohen, von der jüdischen Gemeinde bezahlten Mauer. Sie erinnerte einen Überlebenden aus dem Ghetto, Marcel Reich-Ranicki, in einem Gespräch mit der ZEIT an die Berliner Mauer: "Das war beinahe dasselbe." Der spätere Literaturkritiker lebte bis Anfang 1943 als Sekretär der jüdischen Gemeinde in Warschau.

Am 16. November 1940 wurde das Ghetto abgesperrt. "Die Tur zum Leben fiel ins Schloß", schrieb Ludwig Hirschfeld, selber einer der Gefangenen des Viertels. Rund eine viertel Million Menschen, 138 000 Juden und 113 000 Polen, hatte bis dahin sechs Wochen Zeit gehabt, um in das Ghetto ein- oder aus ihm auszuziehen und sich eine neue Wohnung zu suchen. Für viele Menschen blieben nur anderthalb Quadratmeter in einem überfüllten Zimmer oder ein Winkel in einem Hausflur. Die Statistik Waldemar Schöns, des Leiters der Abteilung Umsiedlung des Distrikts Warschau, faßt die Übervölkerung des Ghettos in Zahlen: "Die Belegung errechnet sich auf 15,1 Personen pro Wohnung und 6 bis 7 Personen pro Zimmer." Da die Besatzer dauernd die Grenzen änderten und das Ghetto verkleinerten, waren neue Umzüge an der Tagesordnung.

Das Warschauer Ghetto war das größte auf polnischem Boden. Was bezweckten die deutschen Besatzer mit den Ghettos, die in größeren polnischen Städten eingerichtet wurden, in Lodz schon im April 1940, in Krakau, Lublin, Radom, Tschenstochau, Kielce? Ihre Entstehung hängt eng mit der nationalsozialistischen Judenpolitik zusammen, die bei Kriegsbeginn noch nicht die Ermordung, sondern die Vertreibung der jüdischen Männer, Frauen und Kinder zum Ziel hatte. Gebiete im Osten, später auch die französische Kolonie Madagaskar, waren in der Diskussion. Schon am 21. September 1939 – der polnische Feldzug lief noch – erließ der Chef des Reichssicherheitshauptamtes, Reinhard Heydrich, nach einer Besprechung mit Generalquartiermeister Eduard Wagner vom Oberkommando des Heeres den Befehl, die Konzentration der Juden vom Lande in die größeren Städte "mit Beschleunigung durchzuführen. In den polnischen Gebieten sind möglichst wenige Konzentrierungspunkte festzulegen, so daß die späteren Maßnahmen erleichtert werden." Rund 600 000 Juden aus den dem Reich einverleibten Gebieten Danzig, Westpreußen, Posen und Ostoberschlesien sollten in die Ghettos im neugeschaffenen Generalgouvernement auf ehemals polnischem Gebiet verschleppt werden.

Mit diesem Befehl erreichte die Naziführung zweierlei: Die Konzentration jüdischer Menschen auf polnischem Gebiet, die bereits vor dem deutschen Einmarsch zehn Prozent der Bevölkerung ausmachten, nahm in dem kleineren Bereich des Generalgouvernements mit seinen 1,6 Millionen Menschen mosaischen Glaubens noch zu. Und: Die Manner, Frauen und Kinder waren in den Ghettos von der übrigen Bevölkerung isoliert, unter Kontrolle und jederzeit greifbar – was immer auch das Ziel sein mochte. Doch nachdem rund 200 000 Menschen nach Osten deportiert worden waren, wurden die Transporte im Frühjahr 1940 eingestellt. Hermann Göring fürchtete wirtschaftliche Probleme, Generalgouverneur Hans Frank große Verwaltungsprobleme. Dafür sollte aber das zweite Ziel Heydrichs erreicht werden: die Ghettoisierung.