Von Klaus Dermutz

Gerade haben die deutschen Theaterkritiker ihre Bochumer Inszenierung von Gorkis „Die Letzten“ zur Aufführung des Jahres“ gewählt: Andrea Breth, Jahrgang 1952, aufgewachsen in Darmstadt. Regieassistentin in Heidelberg und Bremen. Erste Inszenierungen, schneller Ruhm, schneller Absturz (mit einer Berliner „Emilia Galotti“). Neuanfang in der „Provinz“, in Freiburg („Kabale und Liebe“ von Schiller, „Bernarda Albas Haus“ von Lorca). Wechsel ans Schauspielhaus Bochum („Was ihr wollt“ von Shakespeare, „Schöne Bescherungen“ von Ayckbourn, „Süden“ von Julien Green). 1987 wurde Andrea Breth die erste Preisträgerin des Fritz-Kortner-Preises. Am 15. Dezember 1990 hat am Wiener Burgtheater ihre Inszenierung von Kleists Komödie „Der zerbrochne Krug“ Premiere.

Ihr Blick auf die gesellschaftlichen Zustände ist kälter geworden.

ANDREA BRETH: Ja?

In Julien Greens „Süden“ konnte man noch eine Sympathie mit den einzelnen Figuren spüren. Die Aura von Gorkis „Letzten“ ist die einer Leichenhalle. Wodurch ist Ihr Blick kälter geworden?

BRETH: Durch krasses Zunehmen des Alltags, durch geistige Verwirrung über die Umstände, durch die Zeit. Ich glaube, die Zeit ist anders geworden. Und der Autor ist anders, um es einmal ernsthaft zu sagen. Gorki ist anders als Julien Green. Green hat immer noch die Höflichkeit, das Flair, die Wärme und Anmut des 19. Jahrhunderts, und Gorki eröffnet krachend das kalte 20. Jahrhundert.

Haben Sie deswegen die Schlußbilder der vier Akte in „Die Letzten“ angelegt wie „freezing shots“?