Sie sei von "kompetenten Wissenschaftlern" unterrichtet worden, daß "die Erde in Gefahr" sei, sagt sie. Überall hierzulande, womöglich auch im Ausland, würden jene Menschentötungsfabriken betrieben. Auch unter dem Frankfurter Flughafen oder in Wackersdorf existierten derlei Einrichtungen. Die Demonstrationen dort hätten in Wahrheit diesen Fabriken gegolten. Dort würden Menschen nicht nur systematisch getötet und verarbeitet; dort würden auch Menschen synthetisch hergestellt.

Seit etwa 1978 wisse sie davon, berichtet sie dem Gericht. Von Jesus habe sie den Auftrag erhalten, die Bevölkerung darüber aufzuklären. In den vergangenen Jahren klebte Adelheid Streidel selbstgefertigte Plaktate, verteilte Flugblätter und gab sogar Anzeigen in der Lokalzeitung gegen die "Menschenfabriken" auf. Doch all die Aufklärung fruchtete nicht. So versuchte sie vor vier Jahren, eine Druckerei in Brand zu stecken, hinter der sie ebenfalls eine solche Fabrik vermutete. Damals bereits wurde Adelheid Streidel für schuldunfähig erklärt und in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, die sie nach drei Monaten als geheilt entließ.

Tatsächlich jedoch schwelte die Krankheit weiter. Schließlich, so sagt sie vor Gericht, habe Jesus ihr den Auftrag erteilt, einen Politiker zu töten, um den unterirdischen Menschentötungen ein Ende zu bereiten. Welchen Politiker sie töte, sei egal. "Hat Sie der Auftrag bedrückt?" fragt Richter Terhorst. "Schön ist es nicht, aber notwendig", erwidert sie.

Am 25. April dieses Jahres schließlich schritt sie zur Tat. Nach Dienstschluß in der Internistenpraxis, in der sie nach langer Arbeitslosigkeit erst seit drei Wochen tätig gewesen war, fuhr Adelheid Streidel mit dem Taxi nach Köln-Mülheim, wo am Abend in der Stadthalle Johannes Rau und Oskar Lafontaine auf einer Wahlveranstaltung sprechen sollten.

Stunden vorher schon war sie da. Sie trank noch einen Kaffee und kaufte zwei Blumensträuße. Der Blumenhändler erinnert sich vor Gericht noch, daß die Frau "sehr nervös" und "sehr verstört" wirkte. Dann setzte sich Frau Streidel in den noch leeren Veranstaltungssaal. Während der Veranstaltung fiel sie einer jungen Krankenschwester auf, die hilfsweise Ordnerdienste im Saal übernommen hatte: "Die strahlte etwas aus, was ich aus meiner Ausbildung von der Psychiatrie kannte." Mehr hat sie sich nicht gedacht. Auch der Europa-Abgeordneten Gepa Maibaum fiel Adelheid Streidel auf: "Die hantierte dauernd mit ihrer Tasche, stellte sie unter den Stuhl und holte sie wieder rauf, nahm die Blumen heraus und wieder hinein." Gepa Maibaum saß unmittelbar vor der späteren Attentäterin und empfand das Verhalten als sehr störend.

Zweimal während der Reden versuchte Adelheid Streidel, auf die Bühne zu kommen, wurde von den Ordnern und Sicherheitskräften aber jedesmal zurückgewiesen. Als am Schluß jedoch ein Filmteam des Bayerischen Rundfunks auf die Bühne gelassen wurde, durfte auch Adelheid Streidel hinauf. Sie ging auf Oskar Lafontaine zu, er erschien ihr "im Moment politisch wertvoller" als Rau; sie überreichte ihm die Blumen und ein Poesiealbum mit der Bitte um ein Autogramm. Und während Lafontaine sich zum Unterschreiben herunterbeugte, stach sie mit dem in der Tasche versteckten Fleischermesser zu. Sie wollte die Luftröhre treffen, sagt sie. Als Arzthelferin wisse sie, daß dies zwar "keinen allzu schmerzlosen, aber einen raschen Tod" bedeutet. Nun ist sie "traurig, daß es nicht zum Erfolg gekommen ist, daß Herr Lafontaine nicht tot ist". Ihr Auftrag bestehe also fort.

Der Diplom-Psychologe Helmut Spies, der die Attentäterin begutachtete, spricht von einem "inhaltlich geschlossenen Wahnsystem", in dem Adelheid Streidel lebe. "Hirnorganische Schäden" könnten ausgeschlossen werden, ergänzt der Psychiater Helmut Köster. "Gar kein Zweifel" bestehe daran, daß die Angeklagte an paranoider Schizophrenie leide. Dabei habe sie eine derart "festgefügte Meinung" und zeige keinerlei "Krankheitseinsicht". Selbst wenn Adelheid Streidel geheilt werden könnte, bliebe dennoch ein "Persönlichkeitswandel, der nicht mehr ganz rückbildbar ist". Als die Angeklagte dies hört, fährt sie empört hoch: "Das ist alles Quatsch, was hier gesagt wird. Ich habe selber zwei Jahre in der Psychiatrie gearbeitet. Ich fühle mich gesund."