In seinem Essay "Über die Räumlichkeit der Literatur" schreibt Lars Gustafsson 1969, es gebe "keine so dichte Prosaschilderung (nicht einmal bei Joyce), daß sie nicht im Vergleich zur Wirklichkeit als stark diskontinuierlich erschiene: wieviel könnte nicht zwischen die Sätze in Molly Blooms Monolog geschoben werden!" Und 1979 äußert Georges Perec im Gespräch, jedes seiner Bücher sei Teil eines Ganzen, das "einem noch viel größeren Ganzen" eingeschrieben sei, "und dieses wäre die Gesamtheit jener Bücher, deren Lektüre in mir den Wunsch zu schreiben ausgelöst und genährt hat".

Beiden Äußerungen liegt die Vorstellung einer unendlichen Textmasse zugrunde, einer Masse von unbegrenzter Fülle und Dichte an Einzelheiten, wie sie auch die uns umgebende Wirklichkeit enthält. Sehr viele davon entgehen uns freilich, weil unsere alltäglichen Wahrnehmungsgewohnheiten unzureichend sind, sei es, daß wir unsere Sinne allzu wenig üben, sei es, daß wir sie für allzu einseitige und eng umgrenzte Zwecke einsetzen: "Nichts fällt uns auf. Wir vermögen nichts zu sehen "

Einer minutiösen Erforschung des Alltags hatten sich die Herausgeber der Zeitschrift Cause schrieben und dafür bestimmte praktische Übungen vorgeschlagen. Mitarbeiter dieser Zeitschrift, die in den frühen siebziger Jahren erschienen ist, war auch Georges Perec. Er hatte vorher schon Schreibpläne gehabt, die in dieselbe Richtung gingen, beispielsweise "eine möglichst ebenso erschöpfende wie genaue Bestandsaufnahme aller Orte, an denen ich geschlafen habe", und 1969 hatte er sich in Paris zwölf Örtlichkeiten ausgesucht, die er einmal an Ort und Stelle, ein andermal aus dem Gedächtnis beschreiben wollte, beides zwölf Jahre hindurch: Das hätte 288 Ortsbeschreibungen ergeben. Aus solchen Einzelprojekten ist "Träume von Räumen" hervorgegangen, das Perec 1974 veröffentlicht hat. Der französische Titel "Especes despaces" deutet an, daß eine systematische Darstellung der verschiedenen Arten, der Spezies von Räumen intendiert, allerdings nicht vollständig realisiert ist. So umfassen die zehn Hauptstücke des Buches zwar alle Räumlichkeiten vom Nicht Raum des leeren Papierblatts bis zur Unendlichkeit des Weltraums; detaillierte Behandlung und Beschreibung erfahren aber vorzugsweise die Räume der alltäglichen Lebenswelt, gestaffelt nach zunehmender Größe: Schlafzimmer, Wohnung, Mietshaus, Straße, Viertel. "Leben heißt, von einem Raum zum anderen gehen", schreibt Perec und wundert sich darüber, daß man überall Leuten begegnet, die Uhren, und sehr selten Leuten, die Kompasse haben: Das Bedürfnis nach Orientierung im Raum ist anscheinend sehr viel geringer als das Bedürfnis nach Orientierung in der Zeit. Und während die meisten das Gesetz der vergehenden Zeit als bedrükkend empfinden, nehmen an der vorgegebenen Raumordnung offenbar die wenigsten Anstoß. Diese Raumordnung erschließt Perec mit Hilfe selbsterdachter und eigenwilliger Methoden, durch die das scheinbar Selbstverständliche in Frage gestellt wird. So zeichnet er den Tagesablauf einer Durchschnittsfamilie anhand der Räume auf, die bestimmten Lebensfunktionen zugeordnet sind, und stellt sich dann versuchsweise eine Verteilung vor, "die nicht mehr auf einem 24 StundenRhythmus beruht, sondern auf einem 7 TageRhythmus ( ), so daß wir zu Wohnungen mit 7 Räumen kämen", jeweils nach einem Wochentag benannt "Es ist nicht dümmer", so argumentiert Perec, "sich einen Raum vorzustellen, der ausschließlich dem Montag vorbehalten wäre, als Villen zu bauen, die nur sechzig Tage im Jahr genutzt werden "

Nicht systematisches Erfassen also, sondern systematisches Durchspielen, bei dem wechselweise neue Lebens- und neue Sprachräume entworfen werden (etwa mit der Anregung, Paris nur über Straßen zu durchqueren, deren Name mit einem C anfängt). Perec führt dabei gerne jene "Kunst des Aufzählens" vor, die er in der zeitgenössischen Literatur so vermißte, und legt in dem Kapitel "Die Wohnung" eine mehrseitige Wortliste zum Thema "Ausziehen" und "Einziehen" an. Auch literarische Querverweise werden gegeben, unter anderem durch eine Beschreibung von Raymond Roussels Wohnmobil: wörtliche Auszüge aus einem Artikel, den der französische Touring Club im Jahr 1926 in der August Nummer seiner Zeitschrift veröffentlicht hat.

Das fünfte Hauptstück ("Das Mietshaus") beginnt mit einem "Romanentwurf": "Ich stelle mir ein Pariser Mietshaus vor, dessen Fassade entfernt worden ist. Es ist eine Skizze zu Perecs Roman "Das Leben Gebrauchsanweisung", den er 1978, vier Jahre vor seinem Tode, veröffentlicht hat und der als sein Hauptwerk gelten darf. Mit der Kenntnis dieses Romans, in dem die Vielzahl der Methoden von "Träume noch potenziert wird (er liegt seit 1982 auf deutsch vor), läßt sich ermessen, wie weit Perecs Schreiben vom bloß Spielerischen, und das heißt: vom Unverbindlichen entfernt ist. Es ist ein nach vorne gerichtetes, ein operatives Schreiben, das zwar ausdrücklich persönliche Erfahrungen und Erinnerungen verwendet, sie aber nur als bearbeitete Textstücke zuläßt: Nur so können sie in jene unendliche Textmasse eingehen, die Perecs utopisches literarisches Fernziel ist.

"Träume von Räumen" hat noch eine andere utopische Dimension, es lebt vom Bedürfnis nach Geborgenheit in der Welt. Von den vielen Räumen, die der Mensch im Lauf seines Lebens durchmißt, bleiben ihm nur einige Einzelheiten im Gedächtnis haften, schreibt Perec. Die allerdings können "das Gefühl der Konkretheit der Welt" hervorrufen: Sie wird dann als "die Wiederbegegnung mit einem Sinn" erfahrbar, "die Wahrnehmung einer Handschrift der Erde, einer GeograSchöpfer sind".

Aus dem Französischen von Eugen Heimle; Manholt Verlag, Bremen 1990; 26