Die Qualität sehr guter Bücher besteht nicht darin, daß sie etwas ganz Neues oder Überwältigendes mitteilen. Sehr gute Bücher erfüllen oft nur millimetergenau ein selbstgesetztes Maß. Solche Präzision gefällt weniger aus dem Geist der Mathematik; die - auch ästhetische - Freude liegt in der Souveränität, mit der unüberschaubare und vieldeutige Realitäten anschaulich werden, ohne daß Komplexität unterschlagen wird. Rüdiger Safranski ist eine solche souveräne Linienführung in seinem neuen Buch gelungen. Es geht dabei um nichts Geringeres als um die quälend sperrige, also triviale Frage nach der Bedeutung des Denkens für das Leben. Dabei beginnt Safranski mit einem Chinesen, einem Maler, der über der Arbeit an einem einzigen Bild alt geworden ist. Aber schließlich hat er es doch geschafft. Er ruft seine Freunde zusammen, um das fertige Bild zu betrachten. Als sie bewundernd vor dem Bild stehen, ist der Maler plötzlich verschwunden, um sogleich wieder aufzutauchen - im Bild. Dort geht er durch einen schönen Park auf ein Haus zu, öffnet die Tür, dreht sich noch einmal um, lächelt und geht hinein. Er ist angekommen, das heißt, er ist in seinem Bild verschwunden.

Aber die pastellfarbene Legende wird blutrot und bluternst, wenn Safranski der Gewalt nachspürt, mit der das abendländische Denken versucht hat, in seinen Bildern sich selbst zu entkommen, das Leben in selbstfabrizierte Gewißheiten zu zwängen. Safranski beginnt mit EssayPortraits dreier Gründerväter der modernen Sorge um sich selbst: Jean Jacques Rousseau, Heinrich von Kleist und Friedrich Nietzsche. Das Genie Rousseaus besteht darin, daß er die "Evidenz des Innen festgehalten oder wiederentdeckt und mit polemischer Energie gegen das Außen gewendet hat". Das sozialisierte und reflektierte Ich soll sich vergessen zugunsten eines von sich ganz und gar erfüllten Selbst. Aber Rousseau war auch Denker und Kenner der Freiheit, zum Beispiel der Freiheit, sich aus der Gesellschaft zu lösen und seine Wahrheit zu leben. Jedoch begegnet seine Freiheit stets der Freiheit der anderen. Rousseau wollte dieses Problem mit der "volonte generale", dem Gemeinwillen, lösen. Aber die große Kommunion wollte sich nicht einstellen - Robespierre wird sie später mit seinem Terror der Tugend erzwingen. Blutig, vergeblich. Und so lebte Rousseau seine Wahrheit gegen den Rest der Welt, denn er konnte sich die Welt nur von einer Wahrheit beseelt vorstellen. Nicht ohne Folgen: Im Alter fühlte er sich von Feinden und Lügen manisch verfolgt. Sein "Selbst" wurde zum bedrohten und selbstgebauten Asyl, das Verschwinden im Bild zur Misere. Heinrich von Kleist opfert das Selbst in einer spektakulären Selbstauflösung, die er Erlösung genannt hat. Sein "Lebensplan ist ein Programm gegen den skandalös zufälligen Anfang". Wir kennen die Serie scheiternder Versuche, von der Wissenschaft zur Kunst, von der Tat zum Traum zu gelangen. Nichts birgt ihn, nichts erlaubt ihm, die irdischen Beliebigkeiten erhobenen Hauptes zu ertragen. Sein letzter großer Auftritt am 21. November 1811 vollzog sich anscheinend in erleichterter Heiterkeit. Der Doppelselbstmord am Berliner Wannsee gibt ihm die Autonomie über sein Leben zurück.

Friedrich Nietzsches Geist verdunkelte sich "von allein". Nietzsche - so schreibt Safranski wollte "das unerträgliche Leben in eine unendliche Leidenschaft verwandeln, ohne Flucht in ein Jenseits, auch nicht in das Jenseits der Verneinung". Wir wissen, daß Nietzsche zu zauberisch leichter Heiterkeit fähig war. Dennoch gerät sein Werk in den Strom der Gewalt, einer Verheerung, die sich gegen das eigene Herkommen richtet, gegen die funktionale Mittelmäßigkeit, gegen die religiösen Tröstungen, gegen die analytische Zerstäubung der Leidenschaft. Nietzsche und sein Übermensch kämpfen gegen den Rest der Welt das nährt sie, das tötet sie. In seinen letzten Werken zelebriert er den Triumph der Härte. Er wird irre am Halse eines Pferdes, das ein Kutscher prügelt.

Drei Schriftsteller, die an ihren erdachten Vorstellungen scheitern. Drei Geistesheroen, die von ihren Gedankenhäusern erschlagen werden. Aber Safranski beläßt es nicht bei diesen Individualgeschichten. Im zweiten Teil seines Buches zeigt er, wie dieses dreifache Scheitern das abendländische Denken tragisch wiederholt. Safranski skizziert den Wandel eines immer gleichen Motivs: vom griechischen Logos über die christliche Philosophie bis zu Descartes Vernunftsentwurf. Trotz des Kantischen Versuchs, die Reichweite des metaphysischen Denkens einzugrenzen, folgen die Ganzheitsphantasien des deutschen Idealismus und der sogenannten Lebensphilosphie bis zu den mörderischen metaphysischen Visionen eines Hitlers oder eines Goebbels diesen Riesenbildern des geschlossenen Denkens. Stets versucht das Gedachte, das Leben zuzurichten, verschlingt die Gier des Heils die unheilbare Offenheit der Existenz. Keiner kommt an im Bild, aber viele um.

Einer kommt durch: Eine geglückte Entzauberung der Macht der Wahrheit findet Safranski in Franz Kafkas Leben und Werk. Auf gut dreißig Seiten gelingt ihm hier ein überaus feines und auch überraschendes Kafka Portrait. Er versucht, ihn nicht als den vor den Schrecken des Lebens und der Arbeiterversicherungsanstalt in die Tuberkulose geflüchteten Lebensunfähigen darzustellen, sondern als einen (Lebens )Künstler, der die Fremde auch zu bewohnen verstand "Mein Leben ist das Zögern vor der Geburt", hat Kafka geschrieben, und ihm gelingt es, dieses Zögern zu heimnisvoller, vielleicht gefährlicher Trost des Schreibens: das Herausspringen aus der Totschlägerreihe, Tat Beobachtung (Tagebuch, November 1922). Die Tat Beobachtung lenkt sein Schreiben, eine Zersetzung, die keine neuen Großwahrheiten hinter sich herzieht. Safranski: "Es stimmt schon: Kafka fühlte sich von den Mächten des Lebens in Grund und Boden gestampft, dort unten aber, in den Höhlen seines Schreibens, hat er diesen Mächten den Prozeß gemacht mit dem Ergebnis, daß ( ) die Mächte sich in ein Nichts auflösten "

Rüdiger Safranski hat sich als vielgerühmter Biograph E T A. Hoffmanns und Arthur Schopenhauers einen Namen gemacht. Auch in seinem Buch "Wieviel Wahrheit braucht der Mensch?" zeigt er seine außergewöhnlichen Fähigkeiten zu einem emphatisch nachvollziehenden Erzählen des Gelebten und Gedachten (und ihres Zusammenhangs). Man vermißt allerdings auch eine Antwort auf das überaus spannende Problem, inwieweit man die Geistesgeschichte auf einen biographischen Kern reduzieren kann und darf. Fehlt nur noch die Lösung für die gräßliche Titelfrage. Tatsächlich glaubt Safranski, eine sentenziöse Antwort auf die Frage geben zu können. Leider verspielt er damit kühl auf sechzehn Seiten den Gewinn der vorzüglichen 190 Seiten zuvor. Das biographische Genie scheint für den prospektiven Entwurf nicht zu taugen. Seine "freie Variation über die Freiheit" erschöpft sich in einer vagen Hymne auf die Freiheit. Es mag stimmen, daß die Wahrheit keine Eigenschaft der Wirklichkeit ist, "sondern eine Eigenschaft des Verhältnisses, das ich zu ihr einnehme". Und es trifft wohl auch zu, daß die Angst vor der Freiheit dazu neigt, die Wahrheit als gefundene oder entdeckte, als den Menschen von außen aufgegebene Wirklichkeit aufzufassen.

Doch wüßte man gerne Genaueres. Was ist die Wahrheit, wenn wir sie nicht finden können, aber auch nicht bloß als beliebige Spielfigur im pluralen Parlando erfinden wollen? Über diesen heiklen Status der Wahrheit schweigt Safranski. Er warnt statt dessen ex negative vor dem "Konsequenzgebot, das Denken und Leben in eine widerspruchsfreie Einheit überführen will". Das führe zur Gewalt. Da mag er recht haben. Aber ist deshalb sein Plädoyer für eine "Lebenskunst der Entmischung" schon gerechtfertigt und gewaltlos? In diesem Sinne besteht vermutlich bereits die ganze Republik aus Lebenskünstlern der Entmischung. Wahrheit und Leben sind doch längst bis zur absoluten Harmlosigkeit entmischt oder "ausdifferenziert", wie die Systemtheoretiker sagen würden. Die Ästhetik nach Feierabend. Dann können auch die Wahrheiten fließen - unser Kultur- und Informationssystem scheut sich ja nicht vor drastischen Darbietungen. Grenzenlos entmischt können wir locker die Wahrheit des weltweiten Hungers beim Abendbrot ertragen.