Sie alle schreiben heute Romane: Sozialarbeiter, Lehrer, Psychologen, Germanisten und andere C3- bis C4 Professoren. Letztere besonders heftig, weil sie herrlich lange Ferien haben und ein Haus in der Toskana. Sie alle tun dies nicht nur, um sich von der Tristesse ihres täglichen Broterwerbs zu erholen, Seiner Phantasie einmal freien Lauf lassen: Das beglückt! Eine kleine Besprechung in der Zeitung: der Gipfel! Die zehn Belegexemplare signieren und an die Kollegen überreichen, das schafft Respekt! Das Honorar? Unwichtig. Vom Schreiben kann man ja heutzutage bekanntlich nicht leben: der beliebte, wenn auch etwas zerknirscht begründete Treueschwur an den pensionsgesicherten Hauptberuf? So werden sie immer mehr, die Nebenbeischreiber. Der Beruf des Schriftstellers wird eines Tages verschwunden sein. Eine "Aura" umgibt ihn schon lange nicht mehr. Mit den Schriftstellern ist es wie mit den Politikern: Sie sind uns zum Anfassen nahe, sie sind mitten unter uns "Das Mal allen Schriebs hat jeder (Botho Strauß) Darauf läufts wohl hinaus.

Gut Gemeintes vom Sozialarbeiter, gezwungen Unpädagogisches vom Lehrer, hypersensible Nervenprosa vom Psychologen, literarhistorisch Bezugsvolles vom Germanisten - das sind nicht selten die allzu offenkundigen und oft genug dürftigen Ergebnisse unserer Nebenbeischreiber. Was erst, wenn ein Astrophysiker zur Feder greift? Mit größtem Bangen nähern wir uns dem "Freigang", dem Debütroman des Ulrich Woelk. Es ist ein gänzlich Unbekannter. 1960 geboren, 2. GAST Ich habe Ihnen etwas sagen wollen, abe es vergessen und jetzt bin ich doppelt glücklich.

GASTGEBERIN Das ist überaus unvorsichtig - so glücklich zu sein a> keine Zeitschriftenveröffentlichung, kein Anthologiebeitrag, kein Stipendium vom Deutschen Literaturfonds, kein Auftritt beim Wettlesen in Klagenfurt oder anderswo. Ich weiß nicht, was ein Astrophysiker an der TU Berlin verdient. Eine Nachwuchsförderung wird er wohl kaum nötig haben. Noch ein Nebenbeischreiber also. Doch was da so unangemeldet an diesem herbstlichen Debütantenhimmel erscheint, gehört zum Besten, was es heute an junger deutscher Prosa zu besichtigen gibt. Die Geburt des Schriftstellers aus dem Geist der Naturwissenschaft: Wann hat es das in jüngster Zeit schon einmal gegeben?

Ulrich Woelk bringt es tatsächlich fertig, seine Erkenntnisse und Erfahrungen als Physiker literarisch überzeugend umzusetzen. Wohlgemerkt, nicht nur in den Inhalt seines Romans, dessen Hauptfigur ein junger, ziemlich verschrobener, altkluger Physikstudent ist, sondern darüber hinaus auch in die Form seiner Prosa. Die Handlung läßt sich in wenigen Worten skizzieren: Der von seinem Fach berauschte Frank Zweig, ein Fanatiker des logischen Denkens, verliebt sich ausgerechnet in die flippige Germanistikstudentin Nina, die zehn Bücher gleichzeitig anliest, eine glühende Kämpferin für die feministische Linguistik, die ihr Heil bei alternativen Theaterworkshops in italienischen Olivenhainen sucht.

Frühstück im Freien, Küßchen hier, Küßchen da: Der stocksteife Frank findet das alles ziemlich blöde. Die Karikatur (in beide Richtungen) ist vom Autor durchaus gewollt und trägt zur seltsamen Komik dieser Beziehungsgeschichte bei. Gleichwohl geht Nina (ausgerechnet mit einem Astrologen) fremd, was nun gar nicht in die Ordnungsweh eines Naturwissenschaftlers zu passen scheint. Es kommt zum Ende einer ohnehin eher experimentell angelegten Affäre, Frank besäuft sich, erleidet einen Nervenzusammenbruch, bildet sich ein, den Vater ermordet zu haben, und kommt dann in eine psychiatrische Klinik. Hier sitzt er und schreibt seine vergangene Liebes- und Leidensgeschichte auf, nach Kernbegriffen im Zettelkasten geordnet. In der Gegenwartsebene des Romans setzt er sich mit dem Weltbild des Dr. Früger auseinander, der ein psychiatrisches Gutachten über ihn anfertigt und dem Patienten eine ordentliche Gerichtsverhandlung nicht gönnt. Ein scharf geschnittener dialogischer Schlagabtausch, bei dem es um die uralten Gegensätze von Zufall und Berechnung, Vernunft und Gefühl, Rationalismus und Irrationalismus, Spekulation und Beweiskraft geht "Psychologie ist Forschung nach Gusto, nicht Gesetz So lautet eine der, zahlreichen knackigen Definitionen des Frank Zweig, der zugleich der Ich Erzähler des Romans ist. Eines Romans, der das große Thema der Grenzen wissenschaftlichen Erkenntnisdrangs um eine gescheite, witzige, mitunter ironische Variante erweitert.

Das ist schon sehr amüsant, wie Woelk seinen Helden in eine Kneipe schickt und ihn - um dessen Spleen selbst für nebensächlichste physikalische Vorgänge Ausdruck zu verleihen - während des ideologischen Geplappers Ninas mit einem Kommilitonen minuziös das Entflammen und Abbrennen einer Kerze beschreiben läßt. Als Frank einmal in der Mensa nach Nina Ausschau hält, 1. GAST Aber warum denn! Unvorsichtigkeit wird überall verlangt, bei jedem Geschäft.

2. GAST Ich verliere den Verstand - dreimal in der Sekunde!