Urs Jaeggi hat den Gestus des Grenzgängers kultiviert: ein Schriftsteller, der seine Brötchen als Soziologieprofessor verdient, ein Soziologe, der Bilder malt. Leider jedoch sind Jaeggis Romane längst nicht so vielfältig wie die Passionen ihres Autors.

Auch "Soulthorn" lebt nur von einer reizvollen, jedoch uneingelösten Grundidee: wie ein Paar, das in ein Gemälde hineingeht, verschwinden die Protagonisten am Ende in der fiktiven Landschaft des Romans. Jaeggis erzählerisches Dilemma wird schon im Titel greifbar: Er ist ein Wortspiel und Metapher, doch ohne schillernde Mehrdeutigkeit. Ein "Seelenstachel" ist die Heimatstadt Solothurn für den Maler Kocher. Aus locker verbundenen Sequenzen hat Jaeggi eines jener zahllosen literarischen Kindheitsmuster gewoben, das wenig originell mitteilt: Kindheit und ihre Orte lassen einen Menschen nicht los und können bei sensibleren Naturen, wie man sie Künstlern nachsagt, leidenschaftliche Haßliebe auslösen "Ich will das Gewesene vor mir aufbauen, nicht mich drin versenken", versichert Kocher entschlossen: als wäre Erinnerung je memoire pure und nicht immer Montage eines Ich.

Und: Vor wem überhaupt soll eine Figur etwas aufbauen, wenn sie keine Präsenz gewinnt? Das Buch behilft sich mit dem wohlfeilen Distanzierungsmittel der indirekten Rede, mit dezenten Verweisen auf Pessoa, Giacometti oder auf "Turnersche Tage", bei denen dem gebildeten Leser schon ein Licht aufgehen wird. Und wie aufdringliche Farbkleckse breiten sich die Signale für den kritischen Zeitgenossen aus: Waldsterben im Schwarzwald und Chemie im Rhein, die Rätsel der Androgynität und die Aporien der Postmoderne - Kulturkritisches wird zwischendrin als Häppchen gereicht, der Lesehungrige hingegen auf Schonkost gesetzt. Peter Körte Urs Jaeggi:

Soulthorn Roman; Ammann Verlag, Zürich 1990; 207 S, 34 80 DM