Doch verglichen mit dem gewalterschütterten Südafrika leben die Menschen in Namibia friedvoll; der Bürgerkrieg scheint vergessen. In Windhuk rücken immer mehr Schwarze auf verantwortungsvolle Posten. Einige Beförderungen mögen zu rasch erfolgt sein. Kritik wird auch geäußert an der Sachkompetenz einiger heimgekehrter Gerichtsbeamter, die am Namibia-Institut im sambischen Lusaka ausgebildet worden waren. Es werden Klagen laut, unqualifiziertes Personal sei in die psychologischen Dienste berufen worden. Die Forderung nach Kompetenz wurde also nicht auf dem Altar der Gleichstellung Schwarzer geopfert. Es wir noch eine Weile dauern, ehe die Veränderungen in den ländlichen Gebieten Wirkung zeigen. In der Provinz begegnen einem weiterhin alte Bekannte, Amtspersonen, die schon vor der Unabhängigkeit das Sagen hatten. Die Lage der Landarbeiter ist nicht besser geworden. „Vielleicht nächstes Jahr“, vertröstet ein Arbeiter in Ai-Ais bei Keetmanshoop.

Unter der jetzigen schwarzen Mehrheitsregierung bestehen – zumindest theoretisch – unbegrenzte Aufstiegschancen für Schwarze. Nur die sich abzeichnende wirtschaftliche Rezession könnte ihre Erwartungen enttäuschen. Die Polizeiaufgaben werden weiterhin streng durchgeführt, allerdings müssen sich die Sicherheitskräfte nicht mehr gegen Guerilla-Angriffe zur Wehr setzen. Es geht vor allem um die Bekämpfung der Kriminalität, die in der für ein Land der Dritten Welt typischen Armut wurzelt. Freilich gibt es zu wenig Polizisten; Innenminister Hifikepunye Pohamba beklagt, daß ein Polizeibeamter die Arbeit erledigen müsse, für die eigentlich drei oder vier nötig wären.

Die Konstitution Namibias ist beeindruckend und anregend im Hinblick auf die Verhandlungen über eine neue Verfassung in Südafrika. Sie garantiert die Menschenrechte, den Anspruch auf faire Gerichtsverfahren, den Schutz der Privatsphäre und die freie Meinungsäußerung. Sie könnte auch so manch anderem Land ein Beispiel sein.

Die dominierende Swapo kann die Opposition nicht schurigeln – sie hält immerhin ein Drittel der Parlamentssitze und hat einige hochkompetente Sprecher. Dadurch fällt ihr die wichtige Rolle zu, die Swapo in die Schranken zu weisen.

In der früheren Rebellenorganisation gibt es natürlich Tauben und Falken. Die Ernennung des Armeechefs Solomon „Jesus“ Hawala löste scharfe Kontroversen aus. Seine Kritiker nannten ihn kurzerhand den „Schlächter von Lubango“ (in dieser angolanischen Stadt waren Swapo-Dissidenten mißhandelt worden; Hawala hatte dabei eine zwielichtige Rolle gespielt) und meinten, seine Ernennung verhöhne die Politik der nationalen Aussöhnung.

Immer noch wird erbittert über einzige heikle Vorfälle währed des jahrzehntelangen, schmutzigen Buschkrieges gestritten; es konnte leicht zu ebenso erbitterten Anwürfen gegen Swapo-Gegner kommen, die noch öffentlich aktiv sind. Ob es dem Genossen Generalmajor Hawala gelingt, eine disparate Armee zu führen und – wichtiger noch – zu disziplinieren, muß sich erst zeigen.

Einige junge Swapo-Radikale fühlen sich durch die moderate Verfassung ausgebremst. Ich sah in der Innenstadt von Windhuk plakatschwingende Demonstranten. Doch die Stimmung war friedlich, entspannt, ja geradezu karnevalesk, während die Bürger ihre Samstagseinkäufe erledigten.