Diese Vergangenheit nicht zu kennen heißt sich selbst nicht begreifen Mit diesem Satz beschließt Raul Hilberg das kurze Vorwort zur Neuausgabe seines monumentalen Werks "Die Vernichtung der europäischen Juden". Es gehört heute schon zu den Klassikern der Historiographie. Methode und Ertrag sichern Hilberg einen hohen Rang in der Geschichte der Geschichtsschreibung.

Ein ganzes Forscherleben hat Hilberg in die Untersuchung des Räderwerks des Holocausts investiert, ein Thema, das ihm 1948 als Mitarbeiter des US Justizministeriums bei den Nürnberger Prozessen begegnete und nie mehr losließ. Daß er selbst Jude ist und 1938 als Zwölfjähriger die österreichische Heimat verlor, als die Familie nach dem "Anschluß" über Frankreich in die USA floh, spielte sicher auch eine Rolle bei dem Entschluß, das "Mosaik" der Vernichtung zusammenzusetzen. Nicht Befangenheit aber war die Folge, sondern aufs Äußerste gesteigertes Bemühen um penible Faktentreue.

Dreizehn Jahre geduldiger Spurensuche im Riesenberg der Akten, die in Deutschland und den von der Wehrmacht besetzten Ländern gefunden worden waren - dann erst konnte Hilberg, inzwischen Professor für politische Wissenschaften an der Universität Vermont, einen umfassenden Bericht geben. Sein 1961 in den USA erschienenes Buch "The Destruction of the European Jews" blieb bei uns außerhalb wissenschaftlicher Kreise zunächst unbekannt. 1982 kam dann bei dem kleinen Berliner Verlag Olle & Woher eine 840seitige deutsche Übersetzung heraus, die wesentlich erweitert war und vor allem die Erkenntnisse aus den großen Auschwitz, Majdanek- und Treblinka Prozessen berücksichtigte. Der hohe Preis allerdings (128 Mark) und eine ohnedies große Berührungsangst versperrten vielen den Zugang. Das Preisargument ist jetzt entfallen: Fischer hat eine Taschenbuchausgabe vorgelegt, die wiederum erweitert (1350 Seiten) und vor allem erschwinglich ist. Die Scheu freilich wird sich wohl nie verlieren bei dem quälenden Thema, auf das viele mit Verdrängung, Abwehr, Flucht reagieren (selbst wenn sie selbst aufgrund "spätgeburtlicher" Gnade gar nicht persönlich betroffen sind). Andere stöhnen, sie wüßten das ja alles, und eine weitere Darstellung des ohnedies Nichtdarstellbaren ändere nichts, weder an ihrem Informationsstand noch an ihren Ängsten.

Nur ein kurzer Blick in den Hilberg würde sie in beiden Punkten eines Besseren belehren: Nicht nur, daß man unendlich viel Neues erfährt, man gewinnt auch einen ganz anderen als den üblichen Blickwinkel. Selbstgezimmerte oder allgemein verbreitete Legenden zerfallen in nichts: Abschied nehmen muß man von der Vorstellung angeblich sorgfältigster Geheimhaltung der Massentötungen, vom liebgewordenen Nazi Mord Klischee, von der These der nur durch Terror erzwungenen Beihilfe einiger weniger, vom achselzuckenden "Hitler war an allem schuld", ja vielleicht sogar von der entlastenden Vermutung, eine so ungeheuerliehe Tat sei anderswo unter ähnlichen Umständen ähnlich denkbar.

Die Ängste mindert das nicht, die genaue Analyse des Vernichtungsprozesses aber schärft den Blick für die Handschrift des Verhängnisses. Hilberg nämlich geht es vor allem um die Funktionsweise der Mordmaschinerie und damit um die Täter, von denen nach dem Krieg fast alle diese Bezeichnung weit von sich gewiesen hätten. Das Bild von der Maschine, die unaufhaltsam, ungerührt, pünktlich Tod produziert, durchzieht die Bände wie ein Leitmotiv. 1933 setzte sie sich in Bewegung, keineswegs lautlos, doch nur wenige wußten die Geräusche zu deuten, und viele sorgten in den kommenden Jahren dafür, daß sie nicht ins Stocken geriet, selbst dann noch, als längst kein Zweifel mehr über das Endziel sein konnte. Nach einem kurzen, vielleicht zu kurzen Kapitel über den Judenhaß seit Luther (dessen wortgewaltige Hetze wohl etwas zu wörtlich und zu wenig zeitgebunden interpretiert wird) und über die spezifisch nationalsozialistische Ausprägung des Antisemitismus wendet sich Hilberg schon auf Seite 56 dem Vernichtungsprozeß selbst zu. Er stellt ihn als eine Stufenfolge dar vom Ausschluß der Juden und "jüdisch versippter" Bürger aus dem Staatsdienst und dem öffentlichen Leben ("Arierparagraph") über die Ausschaltung aus dem Wirtschaftsleben ("Arisierung") und die Konzentration ("Ghettoisierung") bis hin zur Ausstoßung aus dem Leben selbst ("Endlösung"). Dafür gab es weder einen verbindlichen Plan noch eine speziell zuständige Person oder Stelle. Eine Bürokratie, die sonst die erstaunlichsten Ressorts gebar, führte sozusagen nebenamtlich einen Vernichtungskrieg gegen Millionen eigener und fremder Mitbürger, ohne die sonstigen Pflichten zu vernachlässigen. Hitler erscheint in diesem Zusammenhang als seltsam ferne Figur. Sicher, der Befehl ging von ihm aus, und immer wieder war in seinen Äußerungen der Wunsch nach "gnadenloser Härte" und Beschleunigung der "Lösung der Judenfrage" zu hören, doch mehr als den Anstoß und seinen Schutz für die Täter mußte er nicht geben. Der "Führerwille", ja bereits der "Führerwunsch" war Gesetz, das kaum jemand hinterfragte, sondern das fast alle eilends verinnerlichten. Jedenfalls sind Disziplinarmaßnahmen gegen zu judenfreundliche Beamte oder gar Richter kaum bekannt.

Erstes Problem für die Bürokratie war die Definition, wer denn Jude sei oder als solcher zu gelten habe. Eine leichte Aufgabe auf den ersten Blick, genau besehen aber eine höchst verzwickte Frage. Man wollte ja die Juden aus rassischen Gründen eliminieren, gerade da aber versagten die Kriterien.

Hilberg widmet dieser Definitionsproblematik breiten Raum. Sie ist ja der entscheidende Ausgangspunkt und zeigt die wahnhaften Züge des Rassenprogramms. Dennoch stellte sich der Staatsapparat, Judikative wie Exekutive, vorbehaltlos in seinen Dienst und bereitete die nächste Stufe des Vernichtungsprozesses vor.

Noch schwerer als Menschen lassen sich Unternehmen rassisch einordnen: Was war ein jüdischer Betrieb? Jeder, der einem Juden gehörte - das war der einfache, aber keineswegs der Regelfall. Was, wenn der jüdische Besitzer beizeiten einen Strohmann gefunden hatte, wenn es sich um eine Aktiengesellschaft handelte, wenn jüdische stille Teilhaber ausgemacht wurden? Auf diesem Feld wurden die Blutjuristen womöglich noch von den Geldjuristen übertroffen, denn hier winkte Gewinn. In einer Koalition der Habsucht wetteiferten Industrie, Handel, Banken und Partei um Beschleunigung der "Entjudung" der Wirtschaft, der konfiskatorischen "Arisierung" der jüdischen Betriebe.

Auch als die letzte, die tödliche Stufe des Prozesses ereicht war, endete die Aufgabe der Bürokratie nicht: Neben der Frage nach der Behandlung der Mischlinge war zu klären, was mit den Häftlingen im Propaganda Lager Theresienstadt, g was mit den inhaftierten jüdischen Straftätern, mit 2 den Wohnungen und Häusern der Ermordeten, | mit ihrer Habe geschehen solle, wer eventuelle s Lebensversicherungen der Vergasten kassieren J> dürfe oder wer offene Strom- und Wasserrech | nungen der Verschleppten zu bezahlen habe. Das | Gerangel zwischen den Ämtern, zwischen lokalen, i regionalen und Reichsbehörden war erheblich er| schwert durch den Staat im Staat, die Partei mit | ihren wiederum untereinander rivalisierenden ° Gliederungen von SS bis "Deutscher Arbeits| front".

§ Im Kompetenzendschungel gelang sogar einigen Juden das Überleben mitten im Mörderland, eine § freilich zu vernachlässigende Zahl angesichts der E ungeheuren Opferstatistik. Daß sie solche Grö< ßenordnungen - insgesamt 5 1 Millionen Erschos| sene, Vergaste, Erschlagene, Verhungerte, an Seug chen Verendete, durch Menschenversuche Getö| tete - annehmen konnte, dazu trug nach Hilberg < auch das Judentum selbst bei: 2000 Jahre Anpassung in der Diaspora, Konditionierung durch Verfolgungen, Entwicklung von Überlebensstrategien hatten Verhaltensmuster ausgeprägt, die angesichts der völlig neuartigen Bedrohung versagten wie Schützengräben bei Kernwaffenangriffen.

Bisher war man durch Zurückweichen, Nachgeben, vorauseilenden Gehorsam, Bestechung, Teilopfer immer mit den Gefahren fertig geworden, nun verkehrten sich diese "Tugenden" in ihr tödliches Gegenteil. Die deutschen Verfolger nämlich nutzten sie vor allem in der Phase der Deportation und Konzentration der Opfer, indem sie zum Beispiel in den Ghettos Judenräte beriefen, die zu willfährigen Instrumenten der Bewacher wurden und ihnen die Schmutzarbeit abnahmen. Das System funktionierte bis hinein in die Todeslager, wo Funktionshäftlinge, etwa Leichenräumkommandos, sich durch Arbeit für die Peiniger zu retten hofften und doch nicht mehr als eine karge Galgenfrist gewannen.

Diese Kritik an der Komplizenschaft wider Willen, vor allem die schonungslose Bloßlegung der Schwächen und Verfehlungen der Judenräte, hat Hilberg schon 1961 schrille Proteste eingetragen. In der neuen Ausgabe hat er nichts davon zurückgenommen, im Gegenteil. Er zeigt am einzig bedeutenden Fall jüdischen Widerstands 1943, dem Aufstand im Warschauer Ghetto, daß sich dieser Widerstand nur gegen die Ghetto "Prominenz" formieren konnte, ja sogar zum Mord an Kollaborateuren greifen mußte. Das Argument, die Millionen russischer Kriegsgefangenen hätten sich auch nicht gewehrt, läßt Hilberg nicht gelten, zu unterschiedlich war die Lage der entwurzelten, entwaffneten, unorganisierten Gefangenen verglichen mit der der Juden in den stabilen Strukturen ihrer Gemeinschaften.

Es ist Hilberg vorgeworfen worden, er festige damit das NS Zerrbild vom "feigen Juden", doch das heißt nicht genau lesen: Der von Hilberg konstatierte Lähmungseffekt durch den plötzlich aus völlig unvermuteter Richtung und mit unvorstellbarer Brutalität vorgetragenen Angriff überzeugt schon durch die Massierung der Beispiele. Sie dienen nicht der Verurteilung, sondern wollen Verständnis wecken für die Hilflosigkeit der Opfer. Hilflosigkeit im weitesten Sinne: Kaum jemand, nicht die Kirchen, nicht die Intellektuellen, hat auch nur ein Wort des Protestes gefunden. Die wenigen Einzelkämpfer, wie die mutigen jungen Leute der "Weißen Rose", wurden meist selbst Opfer der Vernichtungsmaschine.

Das Verdikt der unterlassenen Hilfeleistung gilt vor allem für Deutschland. In den besetzten Ländern, über die Hilberg ausführlich einzeln berichtet, kam es öfter zu Protesten, Solidaritätskundgebungen und sogar zu Widerstandshandlungen. Am beschämendsten für uns ist das Beispiel Italien: Nicht nur, daß die von Deutschland aufgezwungenen Rassengesetze hier demonstrativ lustlos gehandhabt wurden, italienische Truppen befreiten sogar jüdische Häftlinge aus Gestapo Kerkern, verhinderten Deportationen, Italiener versteckten Opfer, wiesen ihnen Fluchtwege. Oder Bulgarien: Das Parlament des Satellitenstaats verweigerte einstimmig die von Berlin verlangte Herausgabe der Juden. Und die Dänen: Sie verhalfen 6300 ihrer 7000 Juden zur Flucht oder zum Untertauchen. Nein, Tröstungen für deutsche Leser hält Hilberg nicht bereit, im Gegenteil: Gleichgültigkeit und Feigheit waren hierzulande ubiquitär, obwohl viele Menschen mehr "wußten" über das Schicksal der Juden im Osten, als sie später bereit waren einzugestehen. Das reichte von Gemunkel über "Auschwitz, die größte Stadt Großdeutschlands", und zynische Witze über Seife aus Menschenknochen bis hin zu detaillierten Kenntnissen bei Bahnbeamten, Ministerialen, Wirtschaftsführern, Soldaten der Ostfront - und natürlich den Mordhandwerkern selbst.

Nach der Lektüre von Hilbergs überwältigender Monographie, die sich vor allem auf Dokumente und Zeugenaussagen stützt, kennt der Leser die furchtbare Vergangenheit von Grund auf. Ob er sich selbst darum aber auch nur etwas besser begreift, wie im Vorwort angenommen? Höchstens im Sinne blanken Entsetzens über das Menschenmögliche.

Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1990; 3 Bände, 1350 S, 39 80 DM