Nicht gerade ein Großdeutschland "

Mit solchen sehr persönlichen, sehr schweizerischen, sehr weltklugen Anmerkungen hat Friedrich Dürrenmatt vor einigen Wochen das jüngste Buch eines Vielschreibers unter den Politikern vorgestellt:

Deutsche Wahrheiten Die nationale und die soziale Frage; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1990; 246 S , 32 Dürrenmatt jedenfalls hatte sich nicht zufällig bei dieser Gelegenheit zu Wort gemeldet. Er nannte Lafontaine einen "Weltinnenpolitiker". Offenkundig teilt der Schweizer mit Lafontaine die Bedenken gegenüber jedweder Art von "Patriotismus" oder jede Berufung aufs Vaterland, jedenfalls in Deutschland.

Der Patriotismus, den Dürrenmatt so skeptisch beobachtet, oder genauer, die Hoffnung auf ein Wirtschaftswunder, verbunden mit dem Wunsch, ein "einig Vaterland" zu erreichen, das ist in der Tat ein unterschwelliges Thema bei Lafontaine. Der Streit geht also gar nicht nur darum, ob Deutschland "nationalistisch" wird, sondern er setzt im Grunde viel früher ein.

Noch einmal Friedrich Dürrenmatt als Kronzeuge: Auch er weiß, daß das geeinte Deutschland sich dazu bekennt, dem Wohle eines einigen Europas zu dienen. Aber in seiner Rede fragt er besorgt, ob das der Fall sein werde "Ob der neue Gigant in der Mitte Europas, der den heißen Krieg begann und verlor und einer der Gewinner des kalten Krieges ist, Europa eint oder wieder entzweit, entscheidet seine Politik "

Fast möchte man vermuten, daß es mehr als persönliche Zuneigung ist, wenn der Schweizer Autor sich auf das Buch des sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten zur Vereinigungspolitik einläßt. In der Bundesrepublik selbst ist im Vereinigungsjahr 1990 die Debatte über Nation, Nationalstaat und Nationalismus im Grunde nicht geführt worden, vielleicht war das auch gar nicht möglich. Das heißt aber auch, daß sie noch folgt. Der andere sozialdemokratische Autor, der mit noch mehr Leidenschaft, aber auch mit mehr Akribie und eher aus mitteleuropäischer Perspektive die Diskussion über Nationalismus eröffnen möchte, ist Europäische Reden an ein deutsches Publikum; Deutsche Verlags Anstalt, Stuttgart 1990; 208 S, 29 80 DM Wie so oft ist auch diesmal Glotz früher als andere zur Stelle, wenn es darum geht, mitten ins Zentrum politischer Probleme hineinzuschreiben. Er kann sich dabei mehr exponieren als Lafontaine. Der Kandidat schreibt ein Buch, weil es für ihn Teil der politischen Auseinandersetzung, ja sogar der Kandidatur selbst ist. Glotz hingegen schreibt Bücher, weil er einfach ein Diskurs- und Kommunikationsmensch ist. In seiner Partei ist er damit unverzichtbar, aber deswegen auch bereits eine Randfigur.

Offensichtlich schreiben und denken Lafontaine und Glotz gegen die herrschenden Zeitverhältnisse an. Der Kandidat bekommt das dadurch zu spüren, daß er wenige Wochen vor der Bundestagswahl am 2. Dezember bereits als Verlierer gilt. Er schreibt Bücher, spotten Frankfurter Feuilletonisten, ein Intellektueller, igitt, während mit Kohl "ein Historiker Geschichte macht".