Von Susanne von Schenck

Die Prospekte quellen über von werbewirksamen Attributen. Vom „Naturparadies“ ist da die Rede, von der einzigartigen Flora und Fauna und von Storchennestern auf Rundlingsdächern. In der Tat: Die dichteste Storchenansiedlung gibt es hier im Kreis Lüchow-Dannenberg, einem der am dünnsten besiedelten Landstriche der Bundesrepublik. Im vergangenen Jahr sollen dreißig Storchenpaare 84 kleine Klapperstörche großgezogen haben – die Einwohnerzahl des Hannoverschen Wendlandes, wie der Kreis auch genannt wird, nimmt dagegen beständig ab.

Weitaus weniger bekannt ist, daß neben den Storchennestern, kleinen Seen, Mooren und Wäldern auch literarische Spuren im Wendland zu finden sind: Karl May wurde hier verhaftet, Johann Peter Eckermann und Theodor Körner durchstreiften während der Befreiungskriege die Gegend, Klopstock lief auf dem zugefrorenen Gartower Schloßhof Schlittschuh. Im Schloß an der Göhrde tagte die Gruppe 47, und Volker Schlöndorff verfilmte Passagen aus Nicolas Borns Roman „Die Fälschung“ im Wendland.

Bei einem Streifzug durch dieses vermeintliche Niemandsland gibt es einiges zu entdecken. Auf dem Dannenberger St. Annenfriedhof stößt man gleich auf eine Kuriosität: die Grabstätte des „Heldenmädchens“ Eleonore Prochaska. Zu ihrer Zeit berühmt, kann heute kaum jemand mit dem Namen etwas anfangen. Dabei wurde Eleonore als deutsche Jungfrau von Orleans gepriesen. Denn während der Befreiungskriege trat die Dame als Mann verkleidet in die Armee ein und fiel 1813 in der Schlacht an der Göhrde.

Fährt man von Dannenberg über Lüchow durch flache Wald-, Weide- und Heidelandschaft in südwestlicher Richtung, kommt man nach Schreyahn. 1981 wurde hier zur „Verbesserung der kulturellen Infrastruktur“ ein Künstlerhof eingerichtet. Für neun Monate erhalten je zwei Musiker und Schriftsteller ein Stipendium und können in großzügig ausgestatteten Wohnungen leben und arbeiten. Schreyahn ist eines der vielen Rundlingsdörfer im Landkreis. Diese Dörfer, bei denen die Giebelfronten der Häuser kreisförmig um den Dorfplatz angeordnet sind, gelten als beliebte Ausflugsziele, nicht selten zum Leidwesen der Bewohner. Wenn wieder einmal ein Touristenbus seine Ladung Neugieriger ausspuckt, macht sich ein Einheimischer seinen Spaß daraus: „Ich spaziere dann manchmal mit nacktem Oberkörper zum Dorfbrunnen und wasche mich dort. Die Leute finden das toll und folkloristisch.“

In den meisten Rundlingsdörfern wurden die Bauernhöfe stillgelegt, die Gebäude von stadtmüden Berlinern oder Hamburgern gekauft und umgebaut. In Schreyahn dagegen sind die meisten landwirtschaftlichen Betriebe noch bewirtschaftet. Ausnahme ist das Künstlerhaus. Einheimische und Künstler: Zwei Welten prallen aufeinander, und nicht immer ganz ohne Konflikte. Inzwischen ist es aber gelungen, „den Künstlerhof Schreyahn als einen festen Bestandteil der ohnehin dürftigen kulturellen Szene des Kreises zu etablieren“, schreibt Axel Kahrs in seinem informativen und anregenden Buch „Wendland literarisch“. Und weiter: „Die in der dörflichen Idylle entstandenen Texte sind alles andere als idyllisch; Hausin, Thenior, Heinrich, Ippers und Vesper haben trotz der formalen Spannweite ihrer Arbeiten eines gemeinsam: Sie zeigen die Bedrohungen und Verstörungen auf, vor denen auch das Wendland nicht gefeit ist, legen aber gleichzeitig Zeugnis ab von der Faszination des Schriftstellers gegenüber einer Landschaft und einer Bevölkerung, die sich ihre Eigentümlichkeiten bewahrt haben.“ Guntram Vespers Lyriksammlung „Schreyahn“ (aufgenommen in den Band „Die Inseln im Landmeer“) bestätigt das: von Idylle keine Spur. Statt dessen verarbeitet Vesper die Auseinandersetzungen um Gorleben oder reflektiert über die Wendlandbewohner – wobei auch ihre nationalsozialistische Vergangenheit mit einbezogen wird wie in „Neujahr in Schreyahn“:

Aus dem Fenster sehen auf Dorfplatz, Schaukel Gewalt vergangener Tage.