Von Karl-Heinz Büschemann

Die engen Straßen und schönen alten Häuser lassen das Örtchen Oberndorf am oberen Neckar als Idyll am Rande des Schwarzwaldes erscheinen. Vielleicht ist gerade das der Grund, warum Bürgermeister Klaus Laufer so böse wird, wenn in Zeitungsberichten der Eindruck erweckt wird, Oberndorf mit seinen 14 000 Einwohnern sei eine einzige Waffenschmiede. Und erst recht fährt der Kommunalpolitiker aus der Haut, wenn er lesen muß, in seiner Stadt, die zwei große Waffenfabriken in ihren engen Mauern hat, werde „die präziseste und teuerste Mörderwaffe aller Zeiten entwickelt“.

Damit ist ein Gewehr gemeint, das bei dem größten Oberndorfer Arbeitgeber, der Firma Heckler & Koch (H & K) entworfen worden ist. Ebenso hart treffen das Unternehmen aber auch Meldungen, in denen vermutet wird, daß Heckler mit seinen 2000 Beschäftigten „am Ende“ sei. Der Grund für diese Katastrophennachrichten: Die Bundeswehr hat einen auf zwei Jahre verteilten Auftrag von sechzig Millionen Mark für die Produktion des neuen Gewehrs – in der Fachsprache G 11 genannt – auf Eis gelegt. In der Tat gehe es dem Unternehmen „nicht gut“, so die Firmenleitung. Sie hoffe, bis Ende November einen Käufer für die Waffenfabrik gefunden zu haben.

Solche Töne sind die Oberndorfer nicht gewohnt. Sowohl bei H & K, wo Gewehre und Pistolen hergestellt werden, als auch bei der benachbarten Mauser AG, die namentlich auf Kanonen für das Kampfflugzeug Tornado spezialisiert ist, liefen die Geschäfte bislang ausgezeichnet. Bei Heckler lag das vor allem daran, daß dieses Familienunternehmen ein Produkt herstellt, das allerhöchstes Ansehen genießt. Es ist das Sturmgewehr G 3, das schon in den fünfziger Jahren im Auftrag der Bundeswehr in Oberndorf entwickelt wurde und später weltweit zum Bestseller aufstieg. Denn nicht nur die deutsche Armee rüstete sich mit diesem Schnellfeuergewehr aus. Die Nato-Länder schwören auf die Zuverlässigkeit des G 3, und auch im Rest der Welt wird diese Waffe made in Germany hoch geschätzt. Im iranisch-irakischen Golfkrieg schoß das G 3 auf beiden Seiten der Front, die kolumbianische Drogenmafia setzt genauso auf die Treffsicherheit des Produktes aus Oberndorf wie das pakistanische Militär. Niemand kann sagen, wie viele H & K-Gewehre weltweit im Einsatz sind. Aber die Zahl ist so groß, daß die Waffe zum wirtschaftlichen und technischen Trumpf der Firma wurde. Sie setzt etwa 300 Millionen Mark im Jahr um und hat heute alles im Programm, „was mit Handfeuerwaffen zu tun hat“, wie es die Firmensprecherin Andrea Franke ausdrückt.

Damit aber die lukrativen Geschäfte auch in Zukunft laufen, haben sich die Heckler & Koch-Experten schon Mitte der siebziger Jahre einen modernen Nachfolger für ihren alten Verkaufsschlager ausgedacht. Der sei noch viel treffsicherer als das G 3, verschieße hülsenlose Munition, habe praktisch keinen Rückstoß mehr und sei sehr pflegeleicht. „Das Gewehr setzt neue Maßstäbe“, lobt sich in einem Werbeprospekt der Hersteller der vermeintlichen Wunderwaffe selbst, die ebenfalls im Auftrag der Bundeswehr entwickelt wurde. Ihre Durchschlagsfähigkeit durch Stahl und Beton sei hervorragend, und „die Wirkung auf Weichziele“ entspräche internationalen Abkommen.

Alles sprach also dafür, daß das technische Wunder, für dessen Entwicklung die Bundeswehr 84 Millionen Mark ausgegeben hat, für die Oberndorfer wieder ein Supergeschäft würde, zumal es auf der ganzen Welt kein technisch vergleichbares Schnellfeuergewehr zu geben scheint. Ein auf die kommenden Jahre verteilter Umsatz zwischen einer und zwei Milliarden Mark allein mit der Bundeswehr und anderen Nato-Armeen schien schon so gut wie sicher. Doch der vom Bundesverteidigungsministerium erhoffte Startschuß im Sommer dieses Jahres blieb aus. Ein Sprecher der Bonner Hardthöhe heute: „Das Projekt ist völlig offen.“

„Der G-ll-Auftrag war fest in unserer Planung“, klagt jetzt der H & K-Firmenchef Walter Lamp, der eingestehen muß, die Zeichen der weltweiten politischen Entspannung nicht rechtzeitig erkannt zu haben: „Der extreme Antirüstungs-Zeitgeist hat uns überrascht.“ Lamp und seine Managementkollegen baten mittlerweile in Bonn, aber auch bei der Stuttgarter Landesregierung um Hilfe. Die Rüstungsmanager können darauf hinweisen, daß jetzt Arbeitsplätze in einer extrem von Rüstungsaufträgen abhängigen Region gefährdet sind. Jürgen Grässlin vom kritischen Rüstungsinformationskreis Oberndorf (Rio) schätzt, daß der Wegfall des G-ll-Auftrages allein bei Heckler & Koch bis zu 900 Arbeitsplätze kosten könnte – und das in einer Gegend, in der von insgesamt 9000 Arbeitsplätzen ohnehin ein Drittel direkt vom Waffenbau abhängig sind.

Immer stärker erschallt nun der Ruf nach der helfenden öffentlichen Hand. „Die Leute haben große Angst um ihre Arbeitsplätze“, weiß Klaus Kirschner, der Oberndorfer SPD-Kandidat für die kommende Bundestagswahl. Die Hoffnung auf den Staat liegt aber auch deshalb nahe, weil die Oberndorfer schon traditionell ein besonderes Verhältnis zur Obrigkeit haben, für die sie seit fast schon zwei Jahrhunderten Waffen bauen. Wenn in Oberndorf einer für den Wohlstand sorgte, dann war es stets Vater Staat.

Die Geschichte des Waffenbaus begann in dieser Stadt bereits 1811, als Friedrich, der erste König Württembergs, ausgerechnet in einem durch die Säkularisation aufgehobenen alten Augustinerkloster die Württembergische Gewehrfabrik einrichtete. Diese Waffenschmiede wurde einige Jahrzehnte später von den Gebrüdern Mauser übernommen. Sie erreichte die höchste Produktion während des Zweiten Weltkrieges. Mauser beschäftigte in der Kriegszeit bis zu 14 000 Menschen.

Zwar sah es dann nach dem Krieg für die Oberndorfer finster aus, weil der Waffenbau verboten wurde, doch bald sorgte die Bundeswehr für die Belebung des „angestammten Metiers“ (Schwarzwälder Bote). Vor allem zog nun die neugegründete Firma Heckler & Koch das große Los. Denn deren Gründer Theodor Koch, Edmund Heckler und Alex Seidel, die sich in den mageren Jahren von Mauser abgesetzt hatten und sich zunächst mit der Herstellung von Nähmaschinen über Wasser hielten, holten den entscheidenden Auftrag aus Bonn: H & K durfte das G 3 für die Bundeswehr liefern. Fortan waren Heckler & Koch und der Staat aufs engste miteinander verknüpft. Wann immer H & K nach der Ausrüstung der Bundeswehr neue Absatzmärkte suchte und eine staatliche Genehmigung für Waffenexporte benötigte, konnte die Firma auf Bonn zählen.

Die lokalen Vertreter vom Rüstungsinformationskreis Oberndorf schätzen, daß das G 3 in etwa fünfzig Ländern der Welt im Einsatz ist. Kein Wunder, daß sich die Bonner Regierung mit genaueren Informationen über ihre Genehmigungen für Heckler & Koch-Exporte zurückhält. Angaben zu Rüstungsexporten seien aus politischen Gründen sehr sensitiv und daher nicht im Detail für eine Publizierung geeignet, blockte Willy Wimmer, der parlamentarische Staatssekretär im Bonner Verteidigungsministerium, vergangenes Jahr eine Kleine Anfrage der Grünen im Bundestag ab. Die Regierung erteile „grundsätzlich keine Auskünfte über die Empfängerländer von Kriegswaffenexporten“. Immerhin verriet der Staatssekretär, daß die Bundesregierung bis 1988 für nicht weniger als 86 Länder Ausfuhrgenehmigungen für Handfeuerwaffen und Maschinengewehre erteilt habe. Die Bonner Schweigsamkeit ist verständlich, denn die Liste derjenigen Länder, die offiziell mit Hecker & Koch-Gewehren schießen, reicht vom Ajatollah-Regime im Iran bis zur Apartheidrepublik Südafrika.

Selbst wenn das Kriegswaffenkontrollgesetz oder das Außenwirtschaftsgesetz einen direkten Export von Waffen aus Deutschland nicht zuließ, fanden sich für H & K doch immer wieder Auswege, ins Geschäft zu kommen – zum Beispiel durch die Erteilung von Lizenzen zur Produktion der Gewehre im Ausland. Die Oberndorfer verkauften komplette Fabriken zur G-3-Fertigung oder Lizenzen für Produktionsanlagen an die Empfängerländer. Und auch die Bundesregierung kassierte bei diesen Geschäften fleißig mit. Denn das Know-how für das G 3 gehört offiziell der Bundesrepublik, die seinerzeit die Entwicklung in Auftrag gegeben und bezahlt hatte. Die Bundeswehr hat ihre früheren Entwicklungskosten also längst wieder zurückgeholt.

Angesichts der langjährigen Tradition kann sich in dem Waffenbau-Städtchen Oberndorf niemand so richtig vorstellen, daß dieses alte Gewerbe – trotz der Ost-West-Entspannung – bald ein Ende haben könnte. „Die denken immer noch, der Staat werde sie nicht verkommen lassen“, meint der SPD-Abgeordnete Kirschner, der selbst einmal bei Heckler & Koch gearbeitet hat und der sich kaum traut, im Wahlkampf über das heikle Thema zu reden. Kirschner will die Wähler nicht verschrecken, indem er sich laut gegen den Waffenbau ausspricht. Jürgen Grässlin von den Grünen und aktiv im Rüstungsinformationskreis fürchtet ebenfalls, daß das Gewehr G 11 am Ende doch noch gebaut wird und „wieder über vier Jahrzehnte hinweg Hunderte von Arbeitsplätzen bei Heckler & Koch für die Waffenproduktion und die skrupellosen Exporte festgeschrieben werden“. Und natürlich kann sich auch der Firmenchef Walter Lamp das Unternehmen ohne das neue G 11 nicht vorstellen. „Ich habe keinen Anlaß dazu“, sagt er trotzig. Der Auftrag werde eines Tages schon kommen. „Wenn man rational denkt, wird dieses System zum Durchbruch kommen.“