Von Albie Sachs

Overdammt. Alles ist dunkel plötzlich, ich fühle mich seltsam und kann nichts sehen. Der Strand. Ich wollte zum Strand, ich hatte ein kaltes Bier eingepackt, das ich nach dem Laufen trinken wollte. Irgend etwas stimmt nicht. O verdammt, ich habe mir sicher den Kopf irgendwo angerammt, wie damals beim Klettern am Tafelberg in Kapstadt, träumte von unserem Kampf und rannte mir prompt den Schädel an einem überhängenden Felsen ein.

Es wird gleich weggehen, ich muß nur ruhig sein und warten. Verdammt, wie kann ich nur so unvorsichtig sein?

Die Dunkelheit hört nicht auf. Es ist ernst, etwas Schreckliches passiert mit mir, alles wirbelt herum, ich kann mich nicht beruhigen, während ich warte, daß Bewußtsein und Licht wiederkehren. Ich spüre einen furchtbaren Hieb im Nacken, dann noch einen. Ich fühle mich bedroht, immer mehr, etwas beherrscht mich, überwältigt mich.

Ich muß kämpfen, ich muß widerstehen. Da sind Arme, die mich unter den Achseln packen, die mich ziehen. Ich werde entführt, sie sind aus Pretoria gekommen, um mich über die Grenze zu schleppen, mich zu verhören und mich einzusperren. Das ist der Augenblick, auf den wir alle immer gewartet haben, die wenigen ANC-Leute, die noch in Mosambik arbeiten, mit Grauen gewartet und doch mit einer seltsamen Ungeduld.

„Laßt mich los!“ Ich schreie es: „Laßt mich los!“

Ich winde meine Schultern und schlage mit den Armen, so heftig ich kann. Ich habe mich immer gefragt, wie ich reagieren würde, ob ich mit Gewalt kämpfen und den Tod riskieren oder ob ich still mitgehen würde, mich auf meine Vernunft verlassend und auf was immer ich an Tapferkeit fände, um mir da durchzuhelfen.

„Laßt mich in Frieden, laßt mich in Frieden!“ verlange ich mit aller Kraft und merke, daß ich auf englisch schreie und auf portugiesisch, der Sprache dieses Staates, in dem ich nun seit einem Jahrzehnt lebe. Nach zwanzig Jahren im Exil habe ich mein Afrikaans vergessen. Ich schreie um mein Leben, zugegeben, ein bißchen kontrolliert, noch höflich hier in aller Öffentlichkeit, immerhin bin ich Rechtsanwalt in mittleren Jahren.

„Ich will lieber hier sterben, laßt mich, lieber sterbe ich hier!“ In mir wallt plötzlich Selbstbewußtsein und Stärke auf, ich spanne mit immenser Kraft meine Muskeln an, um mich zu befreien. Da sind Stimmen jetzt, hastig und nervös, Stimmen, die Anweisungen geben und entgegennehmen, sie sprechen über mich. Es ist vollkommen dunkel, aber ich höre gespannte, abgehackte Worte.

„Hebt ihn auf, legt ihn dorthin.“ Ich bin kein „er“, ich bin ich, ihr könnt mich doch nicht rumkarren wie einen Koffer. Aber ich bin jetzt nicht mehr fähig, mich zu sträuben, ich muß durchhalten und akzeptieren, was passiert. Ich habe keinen Willen mehr.

Wir fahren, fahren schnell, die Straße ist holprig. Wie können die mich hier so unbequem verstauen? Wenn sie mich schon entführen, dann könnten sie wenigstens ein Auto mit besserer Federung nehmen. Ich kann mich überhaupt nicht mehr bewegen. Aber ich erkenne die Dinge – ich denke, also bin ich. Das Bewußtsein wird schwächer und kommt wieder, wirbelt davon und kehrt zurück, ich liege darnieder wie ein Bündel. Da ist eine Stelle in meinem Kopf, die denkt. Dann wieder Vergessen. Ich existiere, aber ohne jede Selbstbestimmung. Ob wir die südafrikanische Grenze schon erreicht haben? Wer sind wohl meine Entführer? Wie mögen sie aussehen, haben sie Namen? Diese Dunkelheit ist so verwirrend.

Mehr hastige Stimmen, energisch und schnell, die mich als Objekt behandeln, das aufgehoben und getragen werden muß, hier rum und da lang. Ich spüre die Anstrengung und Bewegung von Leuten, über mir, neben mir, hinter mir. Niemand nimmt mich als Mensch, wendet sich mir zu, spricht mit mir. Ich bin eine Masse, ein Körper, keine Persönlichkeit, ich bin einfach Objekt von anderer Leute Entscheidungen. Ich bin vollkommen anwesend, der Mittelpunkt all dieser aufgeregten Gespräche, aber ich werde nie gefragt, mein Wille, meine Existenz werden verletzt, ich bin geächtet inmitten der Leute.

Alles ist jetzt sehr still, ohne Bewegung oder Stimmen. Ich bin in völlige Dunkelheit und Ruhe getaucht. Sollte ich tot sein, so weiß ich nichts davon, sollte ich leben, weiß ich nichts davon.

„Albie ...“, dringt durch die Dunkelheit eine Stimme, die zu mir spricht, die meinen Namen benutzt und nicht dieses schrecklich Drängende der anderen Stimmen hat. „... Albie, ich bin es, Ivo Garrido...“ Die Stimme ist mitfühlend und liebevoll, ich kenne Ivo, er ist ein hervorragender junger Chirurg und ein Freund. „... Du bist im Maputo Central Hospital ... Dein Arm ist in einem bedauerlichen Zustand...“ Er beschreibt meinen Arm mit einem zartfühligen portugiesischen Wort. Wie taktvoll die mosambikanische Kultur ist im Gegensatz zur englischen. Wir werden dich operieren, du mußt der Zukunft mutig entgegensehen.“

Brennendes Glück, vollkommene Zufriedenheit und Frieden hüllen mich ein: Ich bin in den Händen der Frelimo, der Regierung Mosambiks, ich bin in Sicherheit.

„Was ist passiert?“ frage ich in die Dunkelheit, meine Willenskraft ist zurückgekehrt, als ich Ivos Stimme hörte, ich habe meine Persönlichkeit wieder, ich bin ein lebendiger Teil der Menschheit.

Eine Stimme antwortet, dicht an meinem Ohr, ich glaube, es ist eine Frauenstimme, „... eine Autobombe...“, und ich treibe, innerlich lächelnd, zurück ins Nichts.

Ich bin woanders und ein anderer. Ich liege in einem Bett, ein kühles, frisches Laken auf mir, und ich weiß, daß ich einen Körper habe und daß ich fühlen und denken und innerlich lachen kann, alles erscheint leicht und sauber, ein großartiges Gefühl aus Glück und Neugier. Jetzt ist es an der Zeit, mich selbst zu erforschen und wiederzuerobern. Was ist mit mir passiert, was ist von mir übrig, welche Verletzungen habe ich zu bewältigen?

Also, mal sehen... Ein Witz kommt mir in den Sinn, ein jüdischer Witz aus der Zeit, als wir Juden weiter Witze erzählten, um das Leid abzuwehren, das durch Unterdrückung und Demütigung entstand. Als ich Student war, hatte mein Kletterpartner jede Woche einen neuen Witz für mich parat. Ich lächle und fühle mich glücklich und lebendig, weil ich mir selbst diesen Witz noch einmal erzähle. Den Witz von Himie Cohen, der beim Aussteigen aus einem Autobus stolpert und der Länge nach hinschlägt. Er rappelt sich auf und macht mit seinem Arm eine weit ausholende Bewegung über seinem Leib – tatsächlich, er bekreuzigt sich.

Ein Freund von ihm sieht das und ist baff. „Himie“, sagt er, „ich wußte gar nicht, daß du Katholik bist!“

„Wieso Katholik?“ antwortet Himie und macht die Bewegung noch mal. „Brille ... Eier ... Brieftasche und Uhr.“

Mein Arm ist frei beweglich und bereit, meinem Willen zu gehorchen. Es ist der linke, und ich beschließe, Himies Reihenfolge leicht zu verändern, ich bin sicher, er hätte unter diesen Umständen nichts dagegen einzuwenden. Eier... Meine Hand wandert nach unten. Ich habe nichts an unter dem Laken, ich kann ohne Mühe meinen Körper abtasten. Mein Penis ist da, mein guter alter Schwanz (ich bin allein hier, also kann ich ihn so nennen), der mir so viel Glück und so viel Verzweiflung beschert hat und der mich zweifellos auch in Zukunft zu solchen Hochs und Tiefs führen wird. Und meine Eier, eins, zwei, beide an ihrem Platz, vielleicht sollte ich sie lieber Testikel nennen, wo ich doch in einem Krankenhaus bin.

Ich beuge meinen Ellenbogen – wie schön es ist, wieder etwas wollen zu können und dann in der Lage zu sein, es auch zu tun; ich lasse meine Hand die Brust hinaufgleiten – welch köstliche Selbstbestimmtheit, welch edel Kunstwerk der Mensch doch ist... Brieftasche Mein Herz ist da, auch die Rippen scheinen unversehrt, das Blut wird zirkulieren, das Zentrum meines körperlichen Seins, der Teil, den man sonst immer für selbstverständlich hält, ist in Ordnung, mir geht es gut, ich werde leben, voller Kraft leben.

Brille Ich spreize meine Finger auf der Stirn und fühle keine tiefen Wunden oder zerklüfteten Stellen, und ich weiß, daß ich klar denke, die Dunkelheit ist jetzt federleicht und rein, nicht so wie die schwere, undurchdringliche Finsternis zuvor. Uhr... Meine Hand tastet sich über meine Schulter vor und gleitet an meinem Oberarm hinunter, und plötzlich ist da nichts mehr... Also habe ich einen Arm verloren, Ivo hatte mir nicht gesagt, welchen, oder auch nur, daß sie ihn überhaupt abschneiden würden, obgleich das wohl in seinen Worten enthalten war, es ist also der rechte Arm, mein linker nimmt ja die Untersuchung vor, das ist es, ich habe also einen Arm verloren, das ist alles, sie haben versucht, mich umzubringen, mich vollständig auszulöschen, aber ich habe bloß einen Arm verloren. Brille, Eier, Brieftasche und Uhr. Ich witzle, also bin ich.

So fühlt es sich also an. Ich war dem Tod nahe und habe überlebt. Ich bin auf der Intensivstation, Schläuche führen in mich hinein, so wie ich es in Filmen gesehen habe. Es schien immer so unbequem, wie hielten die Leute das nur aus, mit einem Schlauch in der Nase oder im Arm? Und doch ist es gar nicht schwierig, der ganze Körper fühlt sich etwas seltsam, und die Schläuche sind dabei nur Nebensache.

Ich weiß, daß einige Zeit verstrichen ist, aber habe keine Ahnung, wieviel nun genau; wenn man schläft, läuft die innere Uhr weiter, aber nicht, wenn man operiert wird. Jemand hat mir erzählt, daß die Operation sieben Stunden gedauert hat, und ich erinnere den stolzen Unterton in seiner Stimme. Sie haben mich von Kopf bis Fuß untersucht, überall nach Verletzungen geforscht und massenweise Metallsplitter aus meinem Körper und meinem Kopf entfernt, und ich war stolz darauf, Komplize in diesem großen chirurgischen Unternehmen gewesen zu sein.

Und jetzt – ist es derselbe Tag oder der nächste oder der übernächste? Es ist immer noch dunkel, wahrscheinlich bekomme ich starke Medikamente. Ich erinnere mich, daß Ivo einmal zu mir gesprochen hat, freundschaftlich vertraut, er stellte unsere alte persönliche Beziehung wieder her, nachdem er meinen Körper aufgeschnitten hatte, und schilderte seine Version des Anschlags, der offenbar ganz Maputo aufgeschreckt hatte. Kurz nach dem Aufstehen hatte er eine ungeheure Explosion gehört und sich rasch angezogen; er war dann, ohne einen Anruf abzuwarten, zum Krankenhaus gefahren, weil er schon sicher war, daß es Opfer geben würde; und als er im Krankenhaus ankam, sah er, wie jemand hineingetragen wurde, er lief hin und sah zu seinem Entsetzen, daß ich es war in meiner Badehose.

Dann ist da noch Anatoli gekommen, Anatoli mit den zartesten Händen, die mir je an einem Mann aufgefallen sind. Ich frage mich, wie er wohl aussehen mag – seinem Namen nach und so wie er Portugiesisch spricht, denke ich, ist er einer der sowjetischen Ärzte im Krankenhaus – ich weiß nur, daß er die Verbände mit äußerster Feinfühligkeit abnimmt und sanft zu mir spricht, während er die Wunden auf meiner rechten Seite versorgt.

Man hat mir eine Aufzählung der Wunden geliefert: Offenbar habe ich keine Verletzungen der inneren Organe und des Gehirns (das hätte ich ihnen auch sagen können: Brille ... Eier ...). Abgesehen vom Verlust des Armes habe ich vier gebrochene Rippen, eine zersplitterte Ferse rechts und einen durchtrennten Nerv im linken Bein, einen Haufen Splitterwunden, geplatzte Trommelfelle, und was meine Augen anlangt, werden sie mir Näheres sagen können, wenn sie den Verband abnehmen, was schon bald geschehen wird – alles in allem ein Wunder für jeden, der mein Auto sieht, es steht noch an der Stelle, alle fahren oder laufen dran vorbei, und niemand kann sich vorstellen, daß ich da lebend herausgekommen bin, es ist nur noch ein Haufen Blech mit zwei Strandsesseln, die aus dem Kofferraum ragen.

Ab und zu erlaube ich den Fingern meiner linken Hand, die Krümmung meiner rechten Schulter entlangzufahren. Die ganze Seite ist dick bandagiert, ich möchte nicht zu stark drücken, aber ich kann die Gestalt des Oberarms fühlen; dann, bevor ich den Ellenbogen erreiche, geht der Verband nach innen, und da ist nichts mehr. Wenn ich es nicht mit meiner linken Hand ertasten könnte, dann wüßte ich nicht, daß ich meinen rechten Arm verloren habe, er scheint noch dazusein, als Empfindung, nicht in der Realität. Etwas anderes ist mir ein Rätsel, und die Ärzte haben offenbar keine Erklärung dafür: warum ich mich, nachdem ich etwas so Grauenhaftes durchlebt habe und jetzt in völliger Finsternis mit unzähligen Wunden und Brüchen hier liege, so wunderbar fühle.

Aus dem Englischen übersetzt von Stefan Schreiber

Entnommen dem eben erschienenen Buch „The Soft Vengeance of a Freedom Fighter“, Grafton Books, London Copyright Albie Sachs 1990, Abdruck mit Genehmigung der Liepman AG, Zürich