Wo bist du, du Egoist?" schreien die Damen im Urwald und schlagen Türen und Fenster mit lautem Knall. Noch ahnt niemand, daß der Zornesausbruch einem Herrenparfum gilt, daß Egoisten nie da sind, wo man sie vermutet, daß sie begehrenswert und käuflich sind. Die Szene stammt aus einem Werbefilm der Firma Chanel. Er beginnt ungewöhnlich und endet gewöhnlich, mit einer Aufnahme des Flakons eben. Die Leinwand ist ein Köder, erregt Begierden, ohne sie zu stillen. Moral ist ihr fremd: "Où es-tu, égoiste?"

So ist das Kino Bertrand Bliers, sind seine Figuren, die fordern, ohne zu geben, schreien, ohne wirklich verzweifelt zu sein, sich nach etwas sehnen, das nicht für sie gedacht ist, und damit andere bestenfalls zum Lachen reizen. In "Zu schön für dich!" spielt Carole Bouquet, Topmodel Chaneis, Florence, eine schöne Türenschlagende in der Welt der Häßlichen. Jener gehören dann alle anderen Figuren an, zum Beispiel Colette und Bernard. Die beiden Liebenden treffen sich in einem Pariser Motel. Das erste Mal sind sie unter sich, es muß mit dem Schlimmsten gerechnet werden. In Paris – man weiß es längst – gönnen sich arbeitende Menschen zwischendurch ein paar Takte Liebesspaß, vor allem zur Mittagszeit.

Colette ist unansehnlich, hat ein rundes Gesicht und Glubschaugen. Bernard ist auch nicht schön, wird dafür aber von Gérard Depardieu gespielt. "Ich mache mir meine schönste Erinnerung selbst zum Geschenk", stammelt Colette (Josiane Balasko), als sie den Geliebten auf dem Bett entdeckt, und man ist gerührt über den liebenswerten Unsinn ihrer Worte. "Und ich werde mich erinnern, wie du aus dem Schatten heraustratst", entgegnet der Angebetete mit feiner Poesie, streckt Arme und Beine von sich, schaut trage und ein wenig hinterhältig. Depardieu ist dabei charmant, indem er plötzlich zu schielen beginnt und selbst auf engstem Raum in wundersame Weiten blickt.

Die folgenden Abenteuer werden uns leider vorenthalten. Sie sind für uns vorüber, ehe sie begonnen haben, und daher nicht einmal unserer süßen Erinnerung wert. Erst beim Nachspiel dürfen wir wieder Zeuge sein. Man sieht die Erschöpften beieinander liegen oder vielmehr überkreuz. Bernard mit nacktem Oberkörper, die Lenden von einem Laken umhüllt. Dazwischen noch Colette, deren Kopf irgendwo zwischen Teppich und Bettkante schwebt, eindrucksvoll, aber unbequem, weit entfernt von Bernard, dafür aber in Großaufnahme. "Ich bin müde", gesteht er, woraufhin sie selig lächelt und mit sanften Hüftschwüngen dem Müden seine letzten Kräfte raubt.

Der schöne Augenblick ist nun benannt, der Akt vollzogen worden. Was bleibt, sind ein paar schamlose Worte. "Es ist die Lust der Liebe", flüstert Colette. "Tropfen für Tropfen. Ich spucke dir sanft in deinen Mund, bringe dich zum Explodieren, ganz langsam."

Drei Szenen aus "Zu schön für dich!". Es ist das gleiche Zimmer, sind die gleichen Liebenden und ist jedesmal nicht witzig, sondern ernst gemeint und daher peinlich. Bertrand Blier liebt das schnelle Bekenntnis. Seine Kinofiguren tragen ihr Herz auf der Zunge, verschweigen nichts, tun, was sie sagen, sagen, was sie denken. Unermüdlich werden Wortkeulen geschwungen, prasselt es schwüle Zärtlichkeiten und Beleidigungen, aber wie durch ein Wunder muß niemand Schaden erleiden. Mitunter ist das anrührend, zynisch gar und bitter komisch wie in "Abendanzug"(1986), seinem letzten Film. Bei "Zu schön für dich!" aber wirkt das Zügellose gymnastisch, ist nicht schreckensgroß und lachhaft, sondern kleinmütig und lächerlich.

Bernard, ein reicher Autohändler, ist mit Florence verheiratet und liebt Colette. Florence ist schön, Colette ist häßlich. Eigentlich müßte Florence die Geliebte, Colette die Familienmutter sein. So geschieht es, daß Bernard sein Bett mit Colette teilen möchte, daß er der Geliebten überdrüssig wird und die eigene Frau verführt.

Ein verqueres Liebesspiel könnte nun beginnen, schlimm und lustvoll, bei dem nichts stimmt und trotzdem alles im Lot ist. Statt aber die Konstruktion in einer schwerelosen Geschichte verschwinden zu lassen, besinnt sich Blier auf die eigene Kunst.

"Der Autor ist müde, der Regisseur hellwach", preist Blier seinen Film. "Früher habe ich mich hinter meinen Figuren versteckt. Inzwischen bin ich frei genug, mich zu meinen Gefühlen zu bekennen." Florence ist Colette ist Bernard ist Bertrand, und Bertrand Blier macht sich das schönste Geschenk, das einer ersinnen mag: sich selbst.

Der Autor entpuppt sich als ein besessener Regiehandwerker und zerhackt seine Erzählung in winzige Stücke. Jede Einstellung währt Sekunden, Szenen werden begonnen und abgebrochen, aufgegriffen und vergessen. Blier hat einen blassen Videoclip gedreht mit einem Musikteppich, der Schubert, Unglück und Tiefe verheißen soll, Bildern, die nur für sich selbst glänzen, und Sätzen, die lustlosen Werbesprüchen gleichen. "Ich bin schön, aber von innen heraus", sagt Colette, rund und rosig. "Ich bin eine Frau wie jede andere", sagt Florence, blaß und unnahbar.

Wer die Hamburger Premiere von "Zu schön für dich!" besuchte, wurde nebenbei in die Geheimnisse von Chanel eingeweiht, durfte Carole Bouquet anschauen, Hackfleischbällchen in Tomatensauce kosten, Eau de toilette absahnen und erleben, wie der neue Werbefilm von Ridley Scott entstand. Die Kamera ist ein Flakon, hieß es in dem Vorfilm. In ihr seien Schönheit und Verführung, seien all unsere Sehnsüchte verborgen. Verborgen und verschlossen. Niemals werden sie das Tageslicht erblicken, und wer das Ende der Chanelwerbung verpaßte, erwachte in einem Film Bertrand Bliers, als wäre nichts geschehen.

Ulrich Herrmann