Von Bernd C. Hesslein

Man erkennt sie noch an Gang und Haltung.“ Der junge Luftwaffenmajor auf dem Kasernengelände in Eggersdorf bei Berlin sagt es ohne Herablassung. Erklärend fügt er hinzu: „Sie fühlen sich nicht wohl in unserer Uniform, obgleich sie ihnen ermöglicht, weiterhin Soldat zu bleiben.“ Gemeint sind die ehemaligen Soldaten der „Nationalen Volksarmee“ (NVA), die am 3. Oktober vorläufig in die Bundeswehr übernommen wurden und seither beim „Bundeswehrkommando Ost“ Dienst tun. Sie stecken im olivgrünen Kampfanzug der Bundeswehr, nagelnen aus der Kleiderkammer. Auch die Kameraden aus dem Westen, die die Integration bewerkstelligen sollen, laufen nur in dieser Manöverkluft herum. Nur die Luftwaffenleute geben sich etwas legerer. Sie haben sich den fast zivil wirkenden, dunkelblauen Pullover übergezogen. Die Schulterklappen mit den Rangabzeichen fallen kaum auf.

Dies schafft eine Atmosphäre von Feldquartier auf dem Kasernengelände. Den westdeutschen Soldaten kommt das auch hier in der ehemaligen DDR vertraut vor. Unter hohen Kiefernbäumen, eingegrenzt von Rabatten, stehen in weitläufigen Karrees die klotzigen Gebäude – Wehrmachtserbe im Osten wie im Westen, Bundeswehr und NVA haben es genutzt. Wer etwa von der Führungsakademie in Hamburg-Blankenese hierher abkommandiert ist, wird sich an die Ähnlichkeit beider Kasernenkomplexe erinnert fühlen und zugleich daran, daß beide Armeen bei aller unterschiedlichen Entwicklung durch Teilung und Kalten Krieg mehr als nur das Erbe von Wehrmachtliegenschaften gemeinsam haben: den Anspruch zum Beispiel, eine legitime Pflicht erfüllt zu haben. Die meisten Soldaten im Bundeswehrkommando Ost freilich mögen sich mit solchen Gedanken nicht anfreunden. Oder besser: Sie wollen Fragen nach solchen Gemeinsamkeiten nicht an sich herankommen lassen. Der junge Luftwaffenmajor erinnert an die erheblichen Werteunterschiede zwischen beiden deutschen Armeen: die Innere Führung, das Soldatengesetz und den Wehrbeauftragten. Das sind Errungenschaften, die in seinen Augen die Bundeswehr auch gegenüber ihren Bündnisarmeen vorteilhaft hervorheben.

Die Bundeswehrführung argumentiert ähnlich, wenn sie darauf besteht, daß die ehemaligen NVA-Soldaten sich erst bewähren müßten. Und auch der frühere Generalinspekteur der Bundeswehr, Ulrich de Maizière, besteht darauf, daß die notwendige Annäherung und die erforderliche Kameradschaft „keine Konvergenz in der politischen, rechtlichen und ethischen Substanz des Soldatenberufs“ bedeuten dürfte. Nun ja, das klingt richtig und überzeugend. Aber war nicht der einstige Wehrmacht-Oberstleutnant selbst schon einmal einer anderen Substanz des Soldatseins unterworfen? Ehe allzuviel selbstgefälliger Stolz gegenüber den neuen Kameraden aus der aufgelösten NVA die Köpfe der Bundeswehrsoldaten umnebelt, sollte man sich daran erinnern, daß die heute hochgelobten Errungenschaften für die Bundeswehr nicht von Anfang an selbstverständlich waren. Sie wurden bekämpft und mußten erkämpft werden.

Die meisten westdeutschen Soldaten in den ehemaligen DDR-Kasernen können sich eine umgekehrte Situation durchaus vorstellen. Für einen Augenblick in der Nacht zum 3. Oktober ist ihnen deutlich geworden, was die Wende und der Uniformwechsel für die NVA-Soldaten bedeutet. Als um Mitternacht „Auferstanden aus Ruinen“ intoniert, die DDR-Flagge zum letzten Male eingeholt wurde und so etwas wie Rührung unter den angetretenen NVA-Einheiten entstand, als unmittelbar darauf die Umkleidung begann und die Volksarmisten sich scheuten, die neuen Uniformen anzuprobieren, da war auch den westdeutschen Soldaten klar, daß sie einer symbolischen Kapitulation beiwohnten.

„Wir kommen als Deutsche zu Deutschen“, hatte General Jörg Schönbohm, der Befehlshaber des Ost-Kommandos der Bundeswehr, bei Dienstantritt den Soldaten der aufgelösten Nationalen Volksarmee versichert. Der Alltag läßt Zweifel daran aufkommen. Im Kasino und den Speiseräumen existiert die Trennung der Dienstgrade zwar nicht mehr, die bei der NVA nach dem Vorbild der Sowjetarmee geherrscht hatte. Aber die neuen und die alten Kameraden bleiben bei Pausen und in der Freizeit unter sich, sitzen in Gruppen an getrennten Tischen. Auch nach Dienstschluß gibt es kaum Kontakte. Und am Wochenende flüchten die westdeutschen Kader aus der Tristesse der einstigen NVA-Garnisonsstädte nach Hause zu Familie und ehemaligem Standort im „Altreich“. Wie sollen da Vertrauen und Kameradschaft wachsen, auf die eine Armee wie kein anderer Großapparat angewiesen ist?

Es wird keine Zwei-Klassen-Bundeswehr im Bereich des Kommandos Ost geben, versichern die westdeutschen Kommandeure vor Ort. Das mag ihrer Überzeugung und ihren guten Absichten entsprechen. Doch dem stehen bürokratische und ideologische Hemmnisse entgegen. Alle NVA-Kommandeure haben einen Vorgesetzten aus der Bundeswehr an ihrer Seite. Viele von ihnen sind einen Dienstgrad heruntergestuft worden, weil in der NVA angeblich schneller befördert wurde als in der Bundeswehr üblich. Der Sold ist auf altem DDR-Niveau eingefroren. Die Differenz zum gleichen Bundeswehrrang-West beträgt Tausende von Mark. Und über allen hängt noch die Drohung, gekündigt zu werden. Prüfung und Bewährung ist angesagt. Die Probezeit beträgt bis zu zwei Jahren, das Vierfache dessen, was in der Wirtschaft als zumutbar gilt.