Von Willem Verbarg

In Scharen strömen die Menschen zu den großen Städten: Eineinhalbtausend sind es Tag für Tag allein im Ballungsgebiet um Johannesburg herum, das von Pretoria bis nach Vereeniging reicht. Vom Hunger getrieben und vom Glimmer der Metropolen magnetisch angezogen, hoffen sie, dort Arbeit und Auskommen zu finden. Mit ihrer wenigen Habe besetzen sie ein Stück Land und beginnen, sich aus Brettern, Pappe und Wellblech eine Notunterkunft zu zimmern.

Die weiße Minderheit hat jahrelang versucht, den Strom der Schwarzen mit Bulldozern aufzuhalten, und sie tut es teilweise heute noch. Immer wieder räumen diese gefräßigen Maschinen die Hütten der Ärmsten beiseite – manchmal noch mit den Bewohnern darin. Doch die Not und der Wohnraummangel der Nichtweißen in Südafrika lassen sich nicht mehr beiseite schieben. Rund sieben Millionen Menschen, ein Fünftel der Bevölkerung Südafrikas, leben mittlerweile in solchen selbstgebastelten Elendshütten. Werden die Bewohner von einem Ort vertrieben, fangen sie an anderer Stelle von vorne an. "Wir können einfach nicht aufgeben", sagt ein Landbesetzer, "uns bleibt keine andere Wahl."

In Alexandra, einer Siedlung der Schwarzen am Rand von Johannesburg, schlagen Neuankömmlinge ihre Notunterkünfte inzwischen sogar auf dem Friedhof auf, weil sie kein anderes Grundstück mehr zum Besetzen finden – obwohl das Land groß ist. Aber noch gelten die Eckpfeiler der Apartheid: Jenes Landgesetz, das 86,5 Prozent der Fläche den Weißen vorbehält, und der Group Areas Act, ein Gesetz, das die Wohngebiete strikt voneinander trennt in solche für Weiße, für Farbige, für Asiaten und für Schwarze.

Die südafrikanische Zeitung Business Day stellte kürzlich fest: "Die Nachfrage nach Land – üblicherweise nicht mehr als ein Fleckchen in der Nähe des Arbeitsplatzes, wo eine Familie ein Dach über dem Kopf errichten kann – ist explosiv geworden. Wenn diese Nachfrage nicht befriedigt wird, werden Armeen von Landbesetzern schon bald in Parks, auf Golfplätzen und entlang der Hauptstraßen und Bahnlinien auftauchen. Die Bewegung hat bereits begonnen." Und spätestens, wenn die Bewegung die Golfplätze erreicht, wird es ernst.

So weit wollen es besonnene Kräfte nicht kommen lassen. Der Stadtrat von Johannesburg hat bereits beantragt, daß die gesamte Metropole zur offenen Stadt für alle Rassen erklärt wird. In Pretoria stellen Kommunalpolitiker ähnliche Überlegungen an. Und Südafrikas Präsident Frederik Willem de Klerk selbst hat bereits angekündigt, daß der Group Areas Act im nächsten Jahr aufgehoben werden wird. An seine Stelle sollen allerdings andere Regelungen treten, die "Minderheiten" schützen.

Der Landmangel mag zwar durch die formelle Aufhebung der Apartheidschranken für Wohngebiete gemildert werden. Die Wohnraumnot der Schwarzen ist damit aber noch nicht behoben. Auch nach dem Ende der Apartheid werden sich die wenigsten von ihnen Häuser leisten können Drei von fünf schwarzen Familien mit im Durchschnitt vier Kindern verdienen weniger als dreihundert Mark im Monat. Davon können sie kaum Miete zahlen, geschweige denn ein Haus kaufen – und sei es noch so klein und schlicht.