Glückliche Tage am Berg. Ski und Rodel gut. Doch schwere Wetter ziehen auf: "Stürme über dem Montblanc", 1930, unter der Regie von Arnold Fanck. Leni Riefenstahl spielt die Tochter eines Himmelsforschers und kommuniziert allnächtlich mit dem Wetterwart auf dem Montblanc. Die Bergwelt wird Zeuge einer jungen Liebe. Doch zunächst gibt es Turbulenzen am weißen Gipfel. Der Geliebte gerät in höchste Gefahr. Den "Blick von oben" hatte sich Fanck für seinen neuen Bergfilm als formales Thema gewählt. Folgerichtig kommt die Rettung aus der Luft. Einer aus Richthofens wilder Schar schwebt als helfender Engel über den Bergen: Ernst Udet, der erste Flieger der Nation.

Elf Jahre später, am 17. November 1941, erschoß sich der Generalluftzeugmeister Udet in seiner Berliner Villa in der Stallupöner Allee. An die Stirnseite seines Bettes hatte er mit roter Signierkreide einen letzten Gruß an seine Lebensgefährtin Inge Bleyle gekritzelt und den Vorwurf gegen den Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Hermann Göring: "Eiserner, Du hast mich verlassen!" Das Udet habe "bei Erprobung einer neuen Waffe einen so schweren Unglücksfall" erlitten, "daß er an den Verletzungen auf dem Transport verschied".

So erfuhr es sein Freund Carl Zuckmayer aus amerikanischen Zeitungen. Als er etwa ein Jahr später in der Emigration die Arbeit an seinem Drama "Des Teufels General" begann, bettete er diese Falschmeldung in sein Drama ein. Sein General Harras tarnt seinen Selbstmord als Waffentest und deckt mit seinem Sturzflug in den Tod die Aktivitäten einer Widerstandsorganisation. Harras macht "Quartier in der Hölle", und sein bloß innerer Widerstand kulminiert in der Tat. "Das ist ein antiker Held!" rief Elisabeth Langgässer nach einer Vorstellung begeistert aus, wogegen Alfred Andersch dem Drama bescheinigte, es habe "politische Aktualität" nicht als "Tendenz", sondern als "Realität" gültig gestaltet. Paul Rilla fuhr eine scharfe Attacke gegen "Zuckmayer und die Uniform". Die Gesinnung Zuckmayers sei zwar nicht in Zweifel zu ziehen, dennoch gelange er dort an, "wo die deutsche Krafthuberei ihre ideale Fratze zeigt: beim Behagen in der gemütlichen Bestialität des Kerls in Uniform". Gegensätzlicher konnten die Urteile kaum sein. Doch jenseits der vielstimmigen Debatte erlebte das Stück eine unvergleichliche Bühnenkarriere. So beliebt der historische Udet bei den Deutschen war, so sehr identifizierten sie sich mit dem literarischen Harras, so sehr, daß Zuckmayer sein Drama 1963 stornierte. Es sei "allzu leicht als Entschuldigung eines gewissen Mitmachertyps mißzuverstehen", stellte Friedrich Luft, Berlins "Stimme der Kritik", unter der Überschrift "Gloriole für den Mitläufer" damals fest. Auf der Bühne fand die dramatische Erörterung der Schuldfrage statt, und im Zuschauerraum erlagen allzu viele der Verlockung zum nachgeholten Widerstand. Seit der Uraufführung in Zürich 1946, mit Gustav Knuth in der Hauptrolle, hatte das Drama bis 1950 bereits über 2000 Aufführungen erlebt, es war der Überflieger im theatralischen Nachkrieg. Helmut Käutners Verfilmung von 1955, mit Curd Jürgens als Harras, tat ein übriges, "Des Teufels General" beim Publikum zu einer präsenten Figur zu machen.

Ernst Udet war das Vorbild für den General Harras. Freilich darf man die Bedeutung der historischen Figur für das Drama nicht überschätzen. Zuckmayer selber hat sich dagegen gewehrt. In Studien zur Exilliteratur kann man nachlesen, daß in der Figur des Harras auch ein gutes Stück Selbstreflexion des Autors stecke. Der Tod Udets aber gab den Anlaß, ganz unmittelbar, wie Zuckmayer in seinen Erinnerungen berichtet. An einem Abend im Spätherbst 1942 kehrt er vom täglichen Einkauf zurück: "Auf einmal blieb ich stehen. Staatsbegräbnis, sagte ich laut. Das letzte Wort der Tragödie Seiner Frau eröffnete er: "Das ist mein erstes Stück, das ich für die Schublade schreibe. Es wird nie gespielt werden, aber ich muß es tun "

Die Reminiszenz an den Geniekult darf nicht verdecken, daß Zuckmayer seine Schwierigkeiten mit der Gestaltung des zweiten und dritten Aktes hatte. Erst im Juli 1945, zwei Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, schloß er das Drama ab, das er unter dem Eindruck des Todes zweier Freunde, Ernst Udets und Stefan Zweigs, begonnen hatte. Quälender Antrieb war zudem sein innerer Konflikt, "die Niederlage des eigenen Volkes wünschen zu müssen, damit es von seiner Tyrannei befreit werde". Jetzt sah er die Möglichkeit vor Augen, diesen Konflikt mit sich auszutragen, "diese Befreiung in einer dichterischen Arbeit, durch die Katharsis der Tragödie, zu versuchen".

Der Rückgriff auf antikes Menschenmaß findet sich im Drama als überzeitlich ethische Perspektive, Schillersches Pathos und expressionistische Symbolik umgeben den Läuterungsakt des Harras. Blaß und abstrakt verkümmert daneben die Figur des Oderbruch, der als Repräsentant des politischen Widerstands eine Nebenrolle zugewiesen bekommt. An den konzeptionellen Mängeln des Dramas wird die deutsche Misere sichtbar. Um so mehr in der Gegenüberstellung von literarischer und historischer Fliegerfigur: Wo Harras den Durchbruch zur Widerstandstat schafft, findet sich bei Udet nur eine leere Pose der Antipathie, kaum mehr als ein zeitweiliger Hang zur Renitenz.

"Schau dir die Armleuchter an", nahm Udet seinen Freund Zuckmayer auf dem Berliner Presseball am 29. Januar 1933 beiseite, "jetzt haben sie alle schon ihre Klempnerläden aus der Mottenkiste geholt Demonstrativ beförderte Udet seinen Pour le merite in die Hosentasche. Am Nachmittag war die Regierung Schleicher zurückgetreten. Zuckmayer notierte eine "hektische Lustigkeit" und eine makabre Grundstimmung. In der Ullstein Loge floß noch einmal - auf ein letztes - der Champagner. Als in der Nacht das Gerücht umlief, Hitler werde zum Reichskanzler ernannt, ziehen sich Udet, Zuckmayer, dessen Frau und Mutter in Udets hauseigene "Propeller Bar" zurück. "Kein Wort mehr von Hitler", flüstert Udet Zuckmayer zu und spielt den Damen auf: Gitarrenklänge und Cognac.