Von Günter Franzen

Als ich heute von dir ging fiel der erste Schnee und es machte sich mein Kopf einen Reim auf Weh.

Ulla Hahn, 1981

Mit der deutschen Frauenbewegung geht es mir wie mit dem deutschen Humor, dem deutschen Volkslied, dem deutschen Wald und der dieser Tage eingemeindeten Deutschen Demokratischen Republik. Nach Möglichkeit umfahre ich sie weiträumig, aber wenn es sich nicht vermeiden läßt, begegne ich ihr seit dem 11.11.1975 ohne Zorn und Eifer – am Morgen dieses Tages konfrontierte mich meine damalige Lebensgefährtin erstmalig mit der von der deutschen Frauenbewegung aufgeworfenen Frauenfrage, indem sie mir zum Abschied die im Verlag Brot und Rosen erschienenen „Häutungen“ der Berner Krankengymnastin Verena Stefan an den Kopf warf: Lies das, du Schweinehund!

Der lernwillige, ans Kreuz der deutschen Frauenbewegung genagelte deutsche Mann verdankt der deutschen Frauenforschung und der deutschen Frauenliteratur, blühenden Tochterunternehmen der deutschen Frauenbewegung, eine Reihe wertvoller Hinweise auf die biologisch invarianten Defizite seines Geschlechts. Die in der Regel höhere Stirn der Frau, heißt es beispielsweise in dem von Monika Goletzka herausgegebenen „Vademecum des kleinen Feministen“, sei gleichmäßiger gewölbt, ihre Neigung zu Glatzenbildung und Gewalttätigkeiten sei unausgeprägter, die Wirbel im Hautleistensystem ihrer Fingerbeeren wiesen hübschere Bogen- und Schleifenmuster auf, sie verfüge neben einem reicher sortierten Gefühlsleben über eine hoch- und ausdifferenzierte innere Genialität, sie telephoniere länger und empfinde tiefer, absichtslose Umarmungen und endlose Beziehungsdiskussionen lägen ihr naturgemäß näher als der krude Vollzug des von animalisch-ejakulativen Abfuhrbestrebungen diktierten Akts, und während der maulfaule, schnell erkaltete Mann die Atemluft bereits mit dem Rauch postkoitaler Zigaretten verpeste, warte die berührungshungrige, von autonomen Orgasmen gepeitschte Frauenhaut vergebens auf das prae festum angekündigte erotische Großfeuerwerk.

Auch auf dem immergrünen Feld der schöngeistigen Literatur hat, will man der linksrheinischen Sprachwissenschaftlerin Helene Cixous Glauben schenken, die Frau Nase und Griffel vorn: „Hör eine Frau in einer Versammlung sprechen; sie spricht nicht, sie schleudert ihren bebenden Körper empor, läßt sich fallen, ganz und gar geht sie in Stimme über, mit ihrem gesamten Körper unterstützt sie die Logik ihrer Rede: Ihr Fleisch redet wahr.“ Wo das Fleisch dröhnt wie ein von Leni Riefenstahl inszenierter Reichsparteitag und der Aufmarsch der ekstatisch verzückten Amazonenleiber zu zerebralen Durchblutungsstörungen führt, werden auf lange Sicht nicht nur die Hirnfunktionen in Mitleidenschaft gezogen, sondern setzt im paradoxalen Verständnis der Theorie der écriture feminine die unendliche Zirkulation des weiblichen Begehrens ein: „Dieses Begehren zerstört die männliche Tauschwertproduktion und erkennt dem Überfluß, dem Unnützen seinen wilden Anteil zu. Darum ist es gut zu schreiben, die Sprache auszuprobieren, wie man eine Zärtlichkeit ausprobiert.“

Zärtlich, weiblich, fraulich, dämlich? Wie auch immer: Seit 1977, dem Jahr der Verkündung dieser frohen Botschaft, hat es die hiesige Schreibdich-frei-Frau-Bewegung in der Sparte der female true confessions an gleichermaßen überflüssigen wie unnützen Beweisen sprachlicher Zärtlichkeit nicht fehlen lassen. Unter der Obhut selbstloser Verleger und einfühlsamer Lektorinnen ließen über Nacht Tausende von mehrfachbelasteten Müttern, Hausfrauen, Töchtern, Ehegattinnen, Geliebten, Schriftstellerinnen, immer in Personalunion, ihre Umluftherde, Töpferscheiben und Selbsterfahrungsgruppen stehen und liegen, griffen ganz unbeherrscht zur Feder und durften fortan reden, wie ihnen der patriarchal deformierte Schnabel gewachsen war: im Leben, ums Leben, ums Leben herum.