Von Judith Klein

Charlotte Delbo gehörte zu den 230 Französinnen, die am 24. Januar 1943 nach Auschwitz deportiert wurden. Es war der letzte Transport von nichtjüdischen politischen Gefangenen aus Frankreich in dieses Lager. Die Mehrzahl war unter dem Verdacht des Widerstandes gegen die deutsche Besatzung von der Gestapo oder der französischen Polizei festgenommen worden; viele hatten Folter, Verhör, Gefängnis, die Verhaftung ihrer Kinder und die Ermordung ihres Lebensgefährten erleben müssen, ehe sie in die Hölle des Konzentrationslagers verfrachtet wurden.

Das dort Erfahrene nennt Charlotte Delbo ein „nutzloses Wissen“ – in der Übersetzung leider als „nutzlose Bekanntschaft“ wiedergegeben; es ist unnütz, weil es eine Kluft aufreißt zwischen den Überlebenden und der übrigen Welt: Niemand, der nicht dort war, kann begreifen, und die, die überlebten, werden ihr Wissen nie ganz enthüllen können. Dennoch zielt all ihr Streben eben darauf. Sie ringen sich Sprache ab, um einen Ausschnitt, einen Bruchteil des Geschehenen mitzuteilen. Es zu erzählen ist ihnen drängende Notwendigkeit und ruft zugleich Scham hervor: Jedes Wort erscheint ihnen unangemessen. Der Notwendigkeit entsprochen und den Skandal des Erzählens doch eingegrenzt zu haben ist Charlotte Delbos Verdienst. Zweifel daran, ob es ihr gelungen ist, „die Wahrheit der Tragödie“ auszudrücken, ließen die Autorin jedoch zwanzig Jahre lang warten, ehe sie ihr kurz nach der Befreiung niedergeschriebenes Zeugnis im Jahre 1965 veröffentlichte. Es wurde später erster Teil der nun auch in deutsch vorliegenden Trilogie:

  • Charlotte Delbo:

Trilogie. Auschwitz und danach

Aus dem Französischen von Eva Groepler und Elisabeth Thielicke; mit einem Nachwort von Ulrike Kolb; Verlag Stroemfeld/Roter Stern, Frankfurt/M. 1990; 512 S., 48,– DM

Charlotte Delbos Revolte, ihr Einspruch gegen die Nicht-Darstellbarkeit des Geschehenen ist ständig präsent. Verwundert und vielleicht verzweifelt darüber, daß aus dem Grauen erzählte Geschichte wird, bricht es aus ihr heraus: „Und jetzt sitze ich in einem Café und schreibe diese Geschichte auf – denn es wird zu einer Geschichte.“