Von Gerrit Isenberg und Walter Jahn

Die Vereinigung der beiden Teile Deutschlands weitet die Geltung des Grundgesetzes und des auf ihm basierenden Hochschulrahmengesetzes (HRG, 1987) auf die Universitäten der ehemaligen DDR aus. Die Gesetze garantieren die Freiheit von Kunst und Wissenschaft, von Forschung, Lehre und Studium, und die Betroffenen freuen sich über diese Veränderungen. Für die demokratische Selbstverwaltung schreibt das Hochschulrahmengesetz vor, daß die Gruppe der Professoren in solchen Universitätsgremien wie Konvent, Senat und Fakultät die absolute Stimmenmehrheit besitzt.

Mit unserem Artikel möchten wir warnen: Soll eine solche Mehrheit den Sinn der Gesetze nicht in sein Gegenteil verkehren, so müssen die Universitäten der neuen Bundesländer zunächst ihre Personalstrukturen in die Richtung verändern, die der Gesetzgeber 1987 in den alten Bundesländern antraf.

In den vierzig Jahren ihrer Herrschaft hat die SED bei der Berufung von Professoren eine Politik verfolgt, die weniger fachliche Qualifikation als Regimetreue der Kandidaten berücksichtigte. Arbeit für die SED und ihren Staat, sei es als Parteisekretär, Kampfgruppenkommandeur oder Stasi-Mitarbeiter wurde belohnt durch die Berufung zum Professor. Erwartungsgemäß zeigt eine "Statistik zur kaderpolitischen Zusammensetzung der Hochschullehrer und wissenschaftlichen Mitarbeiter der Karl-Marx-Universität Leipzig, Stand 15. 6. 1989"(siehe die Tabelle auf dieser Seite), daß mit dem Aufstieg vom befristeten Assistenten zum Professor der Anteil der SED-Mitglieder von vierzig auf achtzig Prozent zunahm.

Wir behaupten: Eine selbstverwaltete Professoren-Universität, die auf einer derartigen Personalstruktur beruht, macht den erhofften demokratischen Neubeginn des Universitätslebens nicht möglich. Die gegenwärtigen Ereignisse lassen uns fürchten, daß das Recht der Professoren-Universität gelten soll, wenn nicht zuvor in Frage gestellt wurde, ob denn die alten Professoren und Mitglieder der SED den fachlich-wissenschaftlichen und moralischen Kriterien genügen werden, die man an einen Hochschullehrer stellen möchte. Das fatale Ergebnis könnte sein, daß die durch das SED-Regime geschaffenen Machtstrukturen vom Hochschulrahmengesetz demokratisch legitimiert werden.

Was bedeutete die SED-Zugehörigkeit für den Hochschullehrer? Zahlen, wie viele Menschen aus Überzeugung und wie viele aus Opportunismus der SED beitraten, sind unbekannt. Immerhin: Eine Person, die das Statut der SED anerkannte, hatte ihre persönliche Moral der SED-Parteidisziplin unterzuordnen. Meinungen, die dem Diktat der SED-Führung nicht entsprachen, kamen nur ausnahmsweise an die Öffentlichkeit; sie wurden entweder "selbstkritisch" zurückgenommen oder führten zum Ende der Karriere als Professor. Inanspruchnahme von Privilegien sowie Verschmelzung von privaten mit SED-Interessen führten auch in der Universität zu Machtmißbrauch.

Dies soll mit einigen Beispielen belegt werden: