Von Peter Siebenmorgen

Das Geheimpapier liest sich wie das Drehbuch für einen James-Bond-Film. "Propaganda, Wirtschaftskrieg, vorbeugende Direktmaßnahmen, einschließlich Sabotage, Anti-Sabotage, Zerstörung, Evakuierungsmaßnahmen" sind darin angeführt. Außerdem geht es um "Subversion in feindlichen Staaten, einschließlich Unterstützung für im Untergrund operierende Widerstandsbewegungen, Guerillakrafte und Gefangenenbefreiungskommandos sowie Unterstützung einheimischer anti-kommunistischer Kräfte in bedrohten Ländern der westlichen Welt".

All diese Aufgaben sind in dem streng geheimen Dokument NSC 10/2 vom 18. Juni 1948 genannt, das erstmals die special projects amerikanischer Geheimagenten definierte. Die italienische Geheimtruppe Gladio war eines dieser "Spezialprojekte", konzipiert für sogenannte "verdeckte Operationen".

"Gladio?" meint ein bundesdeutscher Experte, "so etwas hat es in Deutschland nie gegeben. Sie meinen vielleicht stay behind forces. Sie können es auch ‚Schweigenetz‘ nennen. Das gibt es in der Tat bei uns, und es ist das Selbstverständlichste für einen verteidigungswilligen Staat." Eberhard Blum, der die Geschichte des Bundesnachrichtendienstes (BND) schon aus seiner Zeit als persönlicher Referent des legendären Reinhard Gehlen kennt und zwischen 1983 und 1985 Präsident des BND war, wiegelt ab. Er weist entschieden den Vorwurf zurück, auch in Deutschland habe eine nachrichtendienstliche Geheimorganisation ein mit Gladio vergleichbares – politisch unkontrolliertes – Eigenleben entwickelt. Was Blum aber nicht bestreitet, ist die Existenz einer vom amerikanischen Geheimdienst initiierten deutschen Organisation für verdeckte Operationen. Er nennt es "Schweigenetz", da seine Existenz der Öffentlichkeit, nicht aber den politisch zuständigen Gremien, verborgen bleiben sollte. Das "Schweigen" sollte erst im Kriegsfall gebrochen werden, wenn feindliche Truppen Deutschland oder auch nur Teile des Landes besetzt hatten.

Derartige Projekte gehören seit den Anfängen der amerikanischen CIA zum Heikelsten, was die Strategen und Geheimniskrämer des Kalten Krieges zu bieten hatten. Denn: "Verdeckte Operationen" sind nach Definition der Direktive NSC 10/2 nur solche Einsätze, die von der amerikanischen Regierung "gegen feindliche fremde Staaten oder Gruppen oder aber zur Unterstützung befreundeter Staaten und Gruppen durchgeführt oder finanziert werden", sie sollten "jedoch derart geplant und ausgeführt werden, daß keine Verantwortlichkeit der US-Regierung erkennbar wird und im Fall der Aufdeckung die US-Regierung plausibel jedwede Verantwortlichkeit bestreiten kann".

Genaue Auskünfte über die Anfange der verdeckten CIA-Operationen sind auch nach vierzig Jahren nur schwer zu erhalten. Gleichwohl gilt als sicher, daß Mitteleuropa Schwerpunkt der amerikanischen Geheimaktivitaten war. Im Jahre 1952 beschäftigten sich allein in Deutschland 1200 US-Agenten mit verdeckten Operationen. Im Klartext bedeutete dies: antikommunistische Propaganda und Subversion, aber auch Aufbau eines geheimen Agentennetzes, das im Fall eines erfolgreichen sowjetischen Angriffes aktiviert werden könnte.

In der Fachsprache der Nachrichtendienste werden solche Kräfte stay behind forces genannt. Sie haben die Aufgabe, Brückenkopf des eigenen Nachrichtendienstes im besetzten Land zu sein. Damit erfüllen sie einen Auftrag, der – abgesehen von Einsatzgebiet und Führung – prinzipiell mit dem der Bundeswehr-Fernspähtruppe vergleichbar ist. Die Vorsorge der stay behind-Organisation, für den Ernstfall ist allerdings umfassender, da diese Kräfte auf eigenem Territorium eingesetzt werden sollen. In unterirdischen Depots (caches) liegen für den Tag X Funkgerate, Handfeuerwaffen zur Selbstverteidigung, Sprengstoff und sonstiges militärisches Gerät bereit. Selbst für den Fall eines Währungsschnittes wurden die "Zurückgebliebenen" bestens ausgestattet: In den fünfziger Jahren sollten vergrabene "Napoleon-Golddukaten" die krisenfeste Zahlungsfähigkeit der Geheimdienstler sichern.