Stay behind-Kräfke gibt es in Deutschland seit Anfang der fünfziger Jahre. Welche Rolle die Organisation Gehlen, der Vorläufer des BND, dabei ursprünglich spielte, ist unklar. General James Critchfield, der bei der Integration des Gehlen-Unternehmens in den westlichen Nachrichtenverbund eine wichtige Rolle spielte, hält es für ausgeschlossen, daß die für Deutschland vorgesehenen Kräfte vor 1956 von einer deutschen Dienststelle geführt worden seien. Seit spätestens 1959 aber leitete der BND dieses Agentennetz.

Die Organisation war so geheim, daß die in den vergangenen Wochen meistgehörte Antwort auf die Frage, was es mit der vermeintlichen Nato-Geheimarmee Gladio auf sich habe, lautete: „Nie gehört.“ So wußte General Wolfgang Altenburg, bis zum 30. September des vergangenen Jahres als Vorsitzender des Nato-Militärausschusses einer der höchsten Geheimnisträger der westlichen Allianz, bis zu den ersten Presseberichten nichts davon. Selbst als Generalinspekteur der Bundeswehr sei ihm über eine derartige, auch in der Bundesrepublik operierenden Einheit nichts zu Ohren gekommen. Es müsse sich wohl um eine nachrichtendienstliche Truppe handeln, die in einem streng abgetrennten Trakt beim alliierten Oberkommando für Europa (Shape) koordiniert würde. Und dieser Teilbau der militärischen Nato-Zentrale sei so geheim, daß selbst er „da nie rein durfte“.

Der ahnungslose Vier-Sterne-General ist in guter Gesellschaft. Auch die Mitglieder der Parlamentarischen Kontrollkommission (PKK), dem zahnlosen Wachhund des Deutschen Bundestages zur Überwachung nachrichtendienstlicher Tätigkeit, erfuhren erst Ende vergangener Woche von der ins Gerede gekommenen Geheimdiensttruppe. In einer geheimen Aufzeichnung vom 14. November 1990 skizzierte Hermann Jung, der für die Dienste zuständige Abteilungsleiter im Bundeskanzleramt, den Parlamentariern „die Aktenlage“. Doch sehr ergiebig waren diese Informationen nicht, beklagt sich der SPD-Abgeordnete Wilfried Penner, Vorsitzender der PKK. Penners Verärgerung ist verständlich, denn der Geheimvermerk – im Spiegel postwendend auszugsweise veröffentlicht – bringt wenig Klarheit in das bizarre Bild der Fremden Heere West: Technische Details über die Fernmeldeausrüstung der Gladiatoren werden mitgeteilt, doch keine Einzelheiten über den Ursprung der deutschen Unterorganisation und ihrer internationalen Vernetzung.

Die Verschleierungstaktik Jungs ist nach Ansicht hoher politischer Beamter aus dem nachrichtendienstlichen Umfeld „völlig unverständlich“. Kaum besser sind die Noten für Regierungssprecher Hans Klein. Ein pensionierter Abteilungsleiter des Bundesnachrichtendienstes, der bei allen Parteien aufgrund seiner Kompetenz und preußischer Beamtentugend geschätzt wird, äußert sich noch vergleichsweise vorsichtig: Kleins Informationspolitik entbehre „jeglicher Sachkunde“.

Lutz Stavenhagen, als Staatsminister im Bundeskanzleramt für die Koordination der deutschen Nachrichtendienste zuständig, steuerte gleichfalls seinen Teil zur Konfusion bei. Gegenüber Bild am Sonntag behauptete er, der deutsche Ableger der Geheimorganisation „ist Bestandteil der Nato“. Tatsächlich aber, so muß ihn sein Mitarbeiter Jung korrigieren, handelt es sich um ein rein nachrichtendienstliches Verbundsystem, an dem lediglich Partner aus Nato-Staaten partizipieren.

Das Durcheinander ist schwer zu begreifen. Unvorbereitet traf die Gladio-Diskussion die Bundesregierung jedenfalls nicht. In einem anderen Zusammenhang wird sie bereits seit über einem halben Jahr bedrängt, den Bundesnachrichtendienst den nach dem Fall der Mauer entstandenen neuen Realitäten anzupassen. Mehrfach wurde dabei intern gefordert, die stay behind-Kräfte aufzulösen. Wieso tut die Bundesregierung nun so, als höre sie zum ersten Mal von diesem Verband?

Bonns Mangel an Offenheit und Souveränität schadet auch dem ohnehin lädierten Ansehen des Bundesnachrichtendienstes. Stimmt es nämlich, daß die Aufgaben der deutschen stay behind-Organisation in keiner Weise mit dem italienischen Gladio-Treiben vergleichar sind, dann braucht die Bundesregierung das Licht der Öffentlichkeit nicht zu scheuen. Sie sollte deshalb schnell ihr Schweigen über das Schweigenetz brechen.