Die UdSSR kann ihre ehemaligen Partnerländer in Osteuropa nicht mehr ausreichend mit Öl und Gas versorgen

Von Heinz-Günter Kemmer

Im Zug Nummer 211 von Nowosibirsk nach Adler am Schwarzen Meer saßen erwartungsfrohe Urlauber. Aber sie erreichten ihr Ziel ebensowenig wie die Fahrgäste des Gegenzuges mit der Nummer 212. Denn als sich die beiden Züge in der Nacht zum 4. Juni vergangenen Jahres zwischen Ufa und Ascha am Westhang des Urals begegneten, verglühten sie in einem Flammenmeer. Vermutlich durch einen elektrischen Funken, der sich zwischen Stromabnehmer und Oberleitung gebildet hatte, wurde Gas entzündet, das aus einer parallel zur Bahnstrecke laufenden Pipeline entwichen war. Mehr als 600 Menschen wurden Opfer des Infernos.

Die Pipeline transportiert Flüssiggas aus dem westsibirischen Tjumen-Gebiet zu den westlich gelegenen Chemiefabriken. Es ist kein Erdgas, sondern eine Mischung aus Butan und Propan, die im Gegensatz zum Erdgas schon bei niedrigem Druck flüssig wird. Dieser Druck verringerte sich am Abend des 3. Juni, weil die Leitung ein Leck hatte. Aber in der Schaltwarte Leninsk glaubte man offenbar an den Ausfall eines Kompressors. Die Konsequenz: Ein weiterer Kompressor wurde angeworfen, der nun dafür sorgte, daß noch mehr Gas ins Freie geblasen wurde.

Kenner der sowjetischen Öl- und Gasindustrie sehen allenfalls im Ausmaß der Katastrophe den unglücklichen Zufall – so begegneten sich die Züge nur deshalb in der Gaswolke, weil einer von ihnen verspätet war –, halten sie ansonsten aber für das konsequente Ergebnis heruntergewirtschafteter Anlagen und schlampiger Bedienung. Schließlich vergingen nach dem Unglück zwischen Ufa und Ascha keine fünf Monate, bis die gleiche Pipeline erneut leckte – mehrere tausend Menschen wurden damals vorsorglich evakuiert.

Fassungslos stehen die Experten vor den Trümmern einer Industrie, die mehr Erdöl und Erdgas produziert als jedes andere Land auf dieser Erde. Fassungslos vor allem deshalb, weil der gleiche Staat, der sich zum größten Produzenten der Welt aufgeschwungen hat, offensichtlich nicht mehr in der Lage ist, seine Anlagen zuverlässig zu betreiben. Für ihren Unterhalt gibt es kein Geld und kein Material. Die Anlagen laufen, solange es gutgeht, oft genug notdürftig geflickt, damit nur ja die Förderung nicht eingestellt werden muß.

Dabei ist diese Industrie nicht nur das Rückgrat der sowjetischen Wirtschaft, sie ist auch der mit Abstand größte Devisenbringer des Landes. Ohne sie geriete zudem der gesamte ehemalige Ostblock in Schwierigkeiten. Energie wurde bislang nur vom großen Bruder Sowjetunion importiert. In einer Untersuchung über „Die Energiewirtschaft in den kleineren Mitgliedstaaten des Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe“ (RGW) begründet das Jochen Bethkenhagen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin so: „Die Sowjetunion verfügt über ausreichende Brennstoffressourcen, um eine als politisch wichtig erachtete Autarkie im Blockmaßstab zu gewährleisten; außerdem müssen die RGW-Staaten für diese Energiebezüge grundsätzlich keine – für sie chronisch knappen – Devisen aufwenden.“