Noch vor wenigen Monaten hatte er siegesgewiß gerufen: "Ich bin die italienische Chemie!" Nur ein Federstrich fehlte noch, und Raul Gardini, Chef der Ferruzzi-Gruppe, wäre wirklich Herr über einen der größten Chemiekonzerne der Welt geworden. Aber es kam anders. Die Ferruzzi-Familie entschied sich gegen seinen Willen zum Verkauf. Und mit dem gleichen Theaterdonner trat Gardini jetzt von seinen Amtern zurück: "In diesem Land kann man als Unternehmer nicht arbeiten." Künftig will er im Ausland aktiv sein.

Raul Gardini, dem Herrscher über Italiens zweitgrößtes Industrieimperium, der aufgrund des ausgedehnten Landbesitzes der Ferruzzis "der Bauer" genannt wird, fehlt es im Gegensatz zum noch mächtigeren Fiat-Chef Giovanni Agnelli (Beiname: "der Advokat") an Understatement. Hemdsärmelig hatte er sich innerhalb von wenigen Jahren im Ring der europäischen Agrarindustrie hochgeboxt. Anders auch als dem dritten prominenten Unternehmer des Landes, Carlo De Benedetti, "dem Ingenieur", fehlt diesem Emporkömmling das feine Gespür des erfahrenen Geldmannes für wirtschaftliche Proportionen. Dafür erzielte Gardini beim Kauf und Verkauf von Beteiligungen Preise, die auch den gewieftesten Finanzjongleur vor Neid erblassen ließen. Erst setzte er das Vermögen der Ferruzzis ein, dann unerschöpflich scheinende Bankkredite. Zum Schluß wollte er gar einen Weltchemiekonzern aus dem Boden stampfen. Als Sachwalter einer weltweit operierenden, aber dennoch provinziellen Getreidehandelsdynastie ging er an den Start. Präsident der gesamten italienischen Grundstoffchemie zu werden, das sah er als Krönung seiner Konzentrationsmanöver an. Bald hatte er im Handstreich die größte private italienische Chemieholding Montedison unter Kontrolle. Zur Abrundung seines Imperiums fehlte ihm noch die staatliche Chemiewirtschaft. Deshalb wagte der eingeschworene Privatunternehmer Gardini einen Pakt mit dem Teufel: mit dem Staat in Gestalt der "achten Ölschwester", nämlich der staatlichen Energieholding Eni, die als mächtige Außenseiterin unter den internationalen Erdölkonzernen gilt. Mit der Eni verabredete Montedison-Präsident Raul Gardini ein Joint-venture. Beide brachten ihre Kapazitäten der Grundchemie in die gemeinschaftlich zu betreibende Holding Enimont ein.

Nun aber wollte einer den anderen überlisten. Das Intrigenspiel begann schon beim Übertragen der Betriebe auf die neue Holding. Die Montedison mußte dazu Bilanzreserven offenlegen: Sie soll ihr Vermögen um zwei Milliarden Mark zu hoch eingeschätzt haben. Was nicht ohne Folgen blieb, denn auf die aus dem Hut gezauberten zwei Milliarden hätte die Enimont anderthalb Milliarden Mark Steuern zahlen müssen. Um das zu vermeiden, versprach der Staat ein Sondergesetz zur steuerlichen Begünstigung der Konzentration. Aber die "Lex Enimont" konnte nie angewendet werden, schon weil sie gegen geltendes EG-Wettbewerbsrecht verstieß.

Nun trat Raul Gardini auf den Plan. Die Partner brachten zwanzig Prozent des Enimont-Kapitals bei 250 000 Kleinaktionären unter und versprachen sich gegenseitig in die Hand, keinen Vorteil aus dieser Finanzierungsaktion zu ziehen. Hinter dem Rücken der Eni verschaffte Gardini jedoch einigen Freunden 10,1 Prozent der freien Aktien. Dann trat er als Mehrheitsaktionär auf und verlangte alle Macht für sich. Die Eni bockte.

Gardini kündigte nun eine Kapitalerhöhung von gewaltigen Ausmaßen an, um die Eni aus dem Joint-venture hinauszuwerfen. Die Eni pochte auf den Grundvertrag. Man ging vor Gericht. Inzwischen entschied die Regierung, daß ein Partner den anderen ausbezahlen soll.

Letzter Akt, erste Szene: Das Gericht beschlagnahmte die Aktien der beiden Kontrahenten. Hinter den Kulissen warnten die Banken die Familie Ferruzzi angesichts der Golfkrise vor dem Kaufrisiko und dem damit verbundenen Anstieg der Verschuldung des gesamten Ferruzzi-Imperiums.

Und dann die letzte Szene: Die Familie Ferruzzi rebelliert gegen Gardini. Dessen Schwager Carlo Sama ersetzt den "Bauern" als Montedison-Präsident und verkauft an die Eni für 3,8 Milliarden Mark. Die Ferruzzis können aufatmen. Zwar bleibt nach den obligaten Steuerzahlungen vom Veräußerungsgewinn nicht mehr allzuviel übrig. Aber die Schulden der Montedison sinken auf acht Milliarden Mark.