Von Horst Bieber

Der Titel paßt nicht – aber dem Rezensenten ist auch kein besserer eingefallen. Denn wie überschreibt man ein Buch, das aus Reportagenelementen besteht, bunt, vielfältig, scheinbar ohne großen Zusammenhang, von Land zu Land, von Thema zu Thema springend? Das zwar immer wieder Überlegungen, Stellungnahmen, Urteile enthält, sie aber streut und bewußt nicht bündelt? Das über ein "verlorenes Jahrhundert" nicht theoretisiert, sondern es praktisch vorführt?

Der Autor Rolf Pflücke berichtet seit 1973 über und aus Lateinamerika. Der größte Teil seines Buches besteht aus Erzählungen und Anekdoten darüber, wie seine Reportagen zustandegekommen sind. Da schreibt ein Europäer, der das Land oder den Kontinent, in dem er lebt, liebt und schätzt, der aber nicht vorgibt, alles zu wissen und von vornherein zu verstehen; ein Europäer, der nicht verheimlicht, daß er mit einem modernen Hubschrauber zu Amazonas-Indianern fliegt, dort 48 Stunden in einem vergangenen Jahrhundert verbringt und postwendend in die moderne Gegenwart zurückkehrt. Oder mit anderen Worten: der zur Stipp-, Schau- und Bildervisite in einer fremden Realität weilt. Dabei vergißt er nie die Aufgabe, die ihn dorthin führt, nämlich Fremden, die noch viel weiter weg sind, etwas, aber eben nicht alles, von der Realität zu vermitteln.

Darin liegen der Reiz und die Gefahr des Buches. Der Reiz: Es ist farbig geschrieben, immer spannend, gelegentlich amüsant, öfter bedrückend, nie langweilend; es bringt Bekanntes und Unbekanntes, Verblüffendes und Selbstverständliches. Die Gefahr: Es läßt sich sehr leicht als Kaleidoskop lesen, unterhaltend und unterhaltsam, aber an der Oberfläche. Der Autor geht bei den vielen Beispielen für die Krise Lateinamerikas eben nicht in die (theoretische) Tiefe, sondern schildert, was er in diesem Zusammenhang erlebt hat, ob peruanische Grabräuber oder argentinische Terroristen (militärisch und zivil) oder brasilianische Brandroder am Amazonas, reiche Grundbesitzer und arme Schweine. Er führt nicht aus, was wissenschaftlichen oder politologischer Konsens ist, sondern was seine Zeugen aus ihrem notgedrungen oft engen Blickwinkel dazu sagen. Pflücke besitzt durchaus ein Urteil und legt moralische Meßlatten an. Aber er läßt erst die Lateinamerikaner zu Wort kommen, bevor er beurteilt oder verurteilt. Der Reiz der Lesbarkeit wird auch mit der Gefahr der scheinbaren Oberflächlichkeit erkauft, und dieser Gefahr entrinnt nur, wer die Abschilderung nicht als Unvermögen, sondern als Stilmittel akzeptiert.

So gelesen ist es ein Buch, das manches Vorurteil und noch mehr Besserwisserei korrigieren kann, weil es (Mit-)Verantwortung und (Mit-)Schuld der Akteure in den Vordergrund rückt. Warum mußte Argentinien eine solch erschreckende wirtschaftliche und soziale Talfahrt antreten? Warum erlebt ein Staat wie Kolumbien diesen Ausbruch von Gewalt? Niemand kann und will die externen Faktoren leugnen, aber darüber dürfen die internen Schwächen und Fehler nicht vergessen werden. Und die sind massiv, Pflücke führt ausreichend Beispiele an. Die politischen und wirtschaftlichen Akteure lassen es an Voraussicht und – mehr noch – Verantwortungsbewußtsein gegenüber Schwachen und Abhängigen fehlen.

Ja, hinter aller Eleganz des Wortes und Verbindlichkeit der Form schimmert eine brutale Gesellschaft durch, die den Europäer abstößt und auch ratlos läßt, wahrscheinlich um so mehr, je länger er in sie eintaucht. Der Egoismus beschränkt sich nicht auf den Nachbarn, er beutet auch den Staat aus, der nicht als Aufgabe aller Bürger, sondern als unerschöpfliches Ausbeutungsobjekt betrachtet und folglich verachtet wird.

Pflücke ist auf seinen Reportagen dem schlimmsten Ausdruck dieser Haltung, der Gewalt, oft begegnet, in Paraguay, Chile oder Brasilien. Seine Zuneigung gilt denen, die gegen Gewalt kämpfen, also nicht unbedingt der Guerilla, sondern jenen, die Rechtssicherheit als Grundlage jeder Demokratie verteidigen. Aber er beschreibt auch den Fatalismus, den Gewalt auslösen kann, jene hilflose Täter-Opfer-Verstrickung, der Schwache aus eigener Kraft nicht entkommen können. Er beobachtet mit europäischen Kriterien und auch mit europäischem Mitleid die unfertigen Gesellschaften in zu früh verfertigten Staaten, in denen Ungleichzeitiges als selbstverständlich hingenommen wird.

Und deswegen stimmt auch der Untertitel nur halb. Die Krise ist ein Dauerzustand, die Reform könnte nur greifen, wenn eine ausreichend große Minderheit ihre Verhaltensweisen ändert oder die soziale Chance erhält, sie zu verändern.

Nun betont auch Pflücke, daß Anfang der neunziger Jahre die Diktatoren alten Stils weithin abgedankt haben. Aber seine Momentaufnahmen bieten wenig Grund zur Hoffnung, damit seien auch die Bedingungen geschwunden, dank derer Diktatoren an die Macht gekommen sind. Wo ist die Kraft oder Bewegung zu spüren, die eine Revolution in den Köpfen anzettelt, ohne die Gesetze per Reform nicht überdauern?

So hat wohl den vollen Genuß dieses Buches nur der, dem Lateinamerika nicht ganz fremd ist, der es auf einer Folie von Vorkenntnissen oder Erfahrungen liest. Es ist nicht einseitig, aber bewußt ein- respektive eurodimensional – und mit diesem Wissen ein lesenswertes, weil zum Nachdenken aufforderndes Buch.