Es mag ja sein, daß mit dem Abschied Margaret Thatchers die britische Politik europäischer und abgewogener wird; das wäre erfreulich. Aber gewiß wird die politische Auseinandersetzung in jenen Zustand zurückfallen, der vor Maggie in England und lange schon auf dem europäischen Kontinent herrschte: Der Disput wird wieder zahnlos und quallig.

Margaret Thatcher war keine bessere, sie war eine andere Politikerin als jene grauen Konsens-Huber, die zumeist in unseren Parlamenten Karriere machen. Sie kämpfte und polarisierte, anstatt abzuwiegeln und zu verwischen. Sie agierte stets auf offener Bühne, zog nicht hinter den Kulissen die Fäden und forderte damit den öffentlichen Diskurs, das Lebenselixier jeder Demokratie, immer wieder heraus. Ihre Landsleute rüttelte sie aus dem liebgewordenen Phlegma. Wolkige Euro-Ideologen zwang sie, Farbe zu bekennen. Und während die meisten unserer europäischen Nachbarn im deutschen Vereinigungsjahr so taten, als ginge ihnen ein Herzenswunsch in Erfüllung, sprach Margaret Thatcher offen aus, was die anderen hinter vorgehaltener Hand tuschelten: Daß die rasche Wiedervereinigung ihr nicht geheuer war. Sie strapazierte die Nerven, weil sie Politik als Entscheidung zwischen Alternativen verstand. Es gab für sie immer nur ein Entweder-Oder, nicht ein Sowohl-Als-auch. Margaret Thatcher war deshalb ein Ärgernis, aber sie gab auch wichtige Denkanstöße.

Ihre Glanzzeit fiel in jene Jahre, als Großbritanniens Krise offenbar geworden war. Mit den alten Methoden der Konsenspolitik ließen sich weder die Wirtschaft modernisieren noch die Gewerkschaften domestizieren oder gar argentinische Invasionstruppen von den Falklandinseln verjagen.

Aber nicht immer sind die Alternativen so eindeutig, nicht immer geht es in der Politik um Schicksalsfragen. Während sich ihre Landsleute nach der Thatcher-Revolution der frühen achtziger Jahre zur Normalität zurücksehnten, kämpfte die resolute Dame in der Downing Street unermüdlich weiter. So wurde sie, die zu Beginn wie der heilige St. Georg den Drachen des britischen Laisser-faire besiegt hatte, immer mehr zum Don Quijote, der gegen Windmühlenflügel anritt. Dabei gelang ihr sogar das Kunststück, die Europäische Gemeinschaft zum macht- und souveränitätsschluckenden Moloch aufzupumpen – ein Fehler, den gewiefte Konsenspolitiker nie begangen hätten.

Aber gerade deshalb wird Margaret Thatcher in England und Europa nun fehlen. Wer – außer vielleicht dem quirligen Unruhegeist Oskar Lafontaine – bricht nun noch aus der grauen Phalanx europäischer Politiker aus, wer turnt noch in der politischen Arena ohne Netz und Sicherheitsgurt? Wer legt noch wie Margaret Thatcher immer wieder den Kopf auf den Block, statt ihn flugs einzuziehen, wenn sich Widerstand regt? Wer führt den demokratischen Diskurs noch mit solcher Leidenschaft, daß über richtig und falsch wirklich gestritten, nicht nur hinweggenuschelt wird?

Das britische Establishment, das Ideologen als Hofnarren, nicht aber als Parteiführer schätzt, empfand Margaret Thatcher stets als Außenseiterin. Jetzt hat das Establishment gesiegt – für die britische Politik heute ein Fortschritt, für die politische Kultur Europas ein Rückschlag. Die Karikaturisten werden weinen: Sie brauchten Margaret Thatcher nur abzubilden – eine Energiekanone auf Stöckelschuhen, nur mit Perlenkollier und Handtasche bewaffnet, Gottes Freund und aller Welt Feind.

Doch nicht nur die Zeichner der spitzen Feder, Demokraten beiderseits des Kanals sollten Maggie, die sie so oft in Rage versetzte, eine Träne nachweinen. Mußte sie denn unbedingt die politische Bühne räumen, nur weil die Konservativen mit ihr vermutlich die nächste Wahl verloren hätten? Gerade als Oppositionsführerin hätte sie der politischen Hygiene nützen können, als eine wortgewaltige Herausforderin, aber ohne die Macht, falsche Entscheidungen zu treffen.