Die Ruine des Weimarer Landesmuseums, 1863 1868 von dem Prager Architekten Joseph Zitek im italienischen Renaissancestil erbaut, gehört noch immer zu den Antidenkmälern der Goethestadt. Am 31. März 1945 war das Museum von einer Luftmine schwer getroffen worden, doch waren die Depoträume im Parterre fast unversehrt geblieben. Noch im August 1946 fand eine Ausstellung von 238 Gemälden, graphischen Blättern und Plastiken statt. Bis 1957 wohnte auch der Hausmeister noch dort. Dann wurde das Gebäude dem Verfall preisgegeben. So mancher Eigenheimbauer holte sich hier kostenlos Baumaterial.

Pläne für den Wiederaufbau hat es nie gegeben, obgleich die noch erhaltene Substanz beste Aussichten bot, das Gebäude zu retten. Statt dessen gab es wiederholt Pläne der SED Bezirksleitung, den "Schandfleck" durch Sprengung zu beseitigen. Im Jahre 1988 wurde die Ruine eingezäunt, nachdem einige Tonnen Mauerwerk eingestürzt waren. Seitdem hängen dort auch Schilder: "Zutritt verboten". Die einzigen Bewohner sind Tauben, die auf den Mauersimsen bis zu halbmeterhohe Guanohaufen hinterlassen haben.

"Rettet das Landesmuseum!" war schon wenige Wochen nach der Wende an Bauzäunen und anderen Freiflächen zu lesen.

Vor dem Zweiten Weltkrieg besaßen die Kunstsammlungen zu Weimar etwa 1300 Gemälde, 23 000 Graphiken, 8000 Handzeichnungen, 14 000 Münzen und eine Bibliothek von rund 10 000 Bänden zur Kunst- und Kulturgeschichte. Die Sammlungen befanden sich im Landesmuseum, im Schloßmuseum, in Schloß Belvedere und im Gut Holzdorf bei Weimar (Sammlung Krebs). Die Gemäldegalerie der Goethezeit war über Deutschlands Grenzen hinaus berühmt, durch Werke alter Meister der deutschen (Dürer, Terborch, eine Cranach Galerie), italienischen und niederländischen Schule, Gemälde des 18 und 19. Jahrhunderts, darunter Friedrich Prellers Odysseelandschaften, Werke von Hacken, C. D. Friedrich, Graff, Tischbein, Gurlitt, Lenbach. Bis 1921 gehörte auch ein Rembrandt zur Galerie. Doch dieses Bild wurde gestohlen und kam auch nach seiner Wiederentdeckung nicht nach Weimar zurück.

Mariane Bernhard und Klaus P. Rogner listen in ihrem 1965 erschienenen Verlustkatalog deutscher Museen "Verlorene Werke der Malerei" 121 Gemälde auf, die den Weimarer Kunstsammlungen zwischen 1940 und 1946 abhanden gekommen sind. Nur zwei davon kehrten zurück.

Der Aderlaß begann im April 1940. Fritz Sauckel, Gauleiter, Reichsstatthalter und Leiter des Thüringischen Staatsministeriums, hielt es für angemesssen, dem Führer zum 51. Geburtstag ein würdiges Geschenk zu überreichen: Lucas Cranachs d Ä "Nackte Venus vor einer Landschaft". Vier Monate später ließ Hitler durch den Chef der Reichskanzlei, Lammers, erklären: "Der Führer, der persönlich die Annahme derartiger Geschenke stets abgelehnt hat, hat ausdrücklich angeordnet, daß die Herausnahme von Gegenständen aus Sammlungen, Museen und ähnlichen Einrichtungen zu Geschenkzwecken künftig zu unterbleiben hat "

Den Cranach aus Weimar hat Hitler jedoch weder abgelehnt noch zurückgegeben. Das Bild ist bis heute verschollen.

Im Frühjahr 1945 wurden die Museumsbestände ausgelagert. Hauptdepots waren Schloß Schwarzburg bei Rudolstadt, die Wachsenburg bei Gotha, das Goetheschloß in Dornburg und die Staatliche Schmtzschule in EmpfershausenRhön. Am 4. April 1945 wurde die Wachsenburg von Truppen der 3. US Army unter General Patton eingenommen. Etwa eine Woche später traf der Oberbefehlshaber des amerikanischen Expeditionskorps in Europa, General Eisenhower, persönlich auf der Wachsenburg ein. Frau C. Werner, die Burgverwalferin, nahm die Gelegenheit wahr und ließ sich von Eisenhower einen Revers ausstellen, der jegliche Plünderung auf der Burg untersagte. Der Zettel wirkte auf die Soldaten wie das Kruzifix auf Drakula. Das Depot bleib unversehrt.

Zum Leidwesen von Walter Scheidig, dem damals 43jährigen Museumsdirektor, gab es auf Schloß Schwarzburg keine Frau Werner. Und gerade hier waren die Spitzenwerke der Gemäldegalerie untergebracht.

Am 12. April wurde Schloß Schwarzburg von der Kompanie F des 406. Infanterieregiments, 102. Infanteriedivision, besetzt. Kompaniechef war Captain Paul N. Estes.

Zwei Monate später fuhr Walter Scheidig nach Schwarzburg. Er konstatierte "eine Besatzung von ungefähr 40 Mann der 15. American Inf. Division unter Befehl von Capt. Paul Estes". Hatte sich Scheidig verhört: 15 statt 102. Division?

Jedenfalls stellte der Museumsdirektor fest, daß noch alles in Ordnung sei. Die Kontrolle des Depots erfolgte "unter Aufsicht eines Soldaten, der die Schlüssel vom Kommandanten Capt. Estes erhalten hat".

Am 27. Juni war Scheidig in Begleitung von Dr. Meester aus dem Jenaer Zeiss Werk erneut in Schwarzburg "Wiederum Schlüssel von Capt an Soldaten zur Aufsicht. Zustand der Depots sehr verändert: Eine Nebentür aufgebrochen. Kunstgegenstände aus Vitrinen liegen lose herum, Koffer und Pakete sind durchwühlt, der Inhalt teilweise verstreut. Begleitender amerikanischer Soldat fragte ausdrücklich nach wertvollsten Dürer Bildnissen, um sie zu sehen. Er wollte anscheinend Aufmerksamkeit auf den schon geschehenen Diebstahl lenken, von dem er wußte, den er aber nicht denunzieren oder melden wollte "

Scheidig machte Captain Estes Meldung. Doch der erklärte, sein Befehl laute, in den Kellern des Schlosses ein Marinedepot und kein Kunstgutlager zu bewachen. Er fühle sich für die Diebstähle nicht verantwortlich.

Am 19. Juli - die Amerikaner hatten zum 1. Juli 1945 Thüringen geräumt - fuhr Scheidig zum drittenmal nach Schwarzburg. Er registrierte außer dem bereits vor drei Wochen festgestellen Verlust der beiden Dürer Gemälde das Fehlen von weiteren sechs wertvollsten Bildern: Cranachs "Venus mit dem von Bienen verfolgten Amor", C. D. Friedrichs "Landschaft mit dem Regenbogen", Anton Graffs "Bildnis des Dichters Geliert", Willem van de Veldes "Meeresstrand bei bewegter See", Franz Lenbachs "Bauernhof mit Hühnern" und Paul Baums "Märzlandschaft bei Weimar". Erst Wochen später wurde der Verlust von weiteren vier Gemälden aus dem Schwarzburger Depot entdeckt: lacopo de Barbaris "Christus", Johann Conrad Seekatz "Junge Dame und Wahrsagerin", Franz Lenbachs "Wegkapelle" und Friedrich August Tischbeins "Bildnis der Lady Elizabeth Hervay geb. Foster".

Am 21. Oktober 1953 wandte sich Scheidig an Ardelia Hall, die für die Rückführung von Kulturgut im amerikanischen State Department verantwortliche Person. In diesem Brief schrieb er: "Ich hatte mich seinerzeit, als ich Ihre Adresse noch nicht kannte, mit Kollegen in den USA in Verbindung gesetzt, so mit Prof. Dr. Koehler, Harvard University, Cambrigde (Mass ) USA, und Curator Charles L. Kühn, Germanic Museum, Harvard University. Die Herren hatten mir die Auskunft gegeben, daß einige der Kunstwerke sichergestellt worden seien Auf diese Bemerkung ist später niemand mehr zurückgekommen. Auf Initiative von Ardelia Hall nahm sich im Sommer 1954 das Kriegsgericht der 3. US Army des Falls an. Verhört wurden Captain Paul N. Estes, sein Stabschef, Lieutenant John S. Gwynn, die Zugführer Lieutenant Cecil A. Wooten und Lieutenant Clinton R. Walters, Sergeant Edward J. Leitko, der Bataillonskommandeur, Lieutenant Colonel Isaac A. Gatlin, und weitere dreizehn ehemalige Angehörige der US Army, die in Schwarzburg stationiert gewesen waren.

Doch zwei Offiziere traten nicht zur Aussage an: die Lieutenants Moore und Brazelton. Scheidig hatte sie in einer Aktennotiz vom 20. September 1945 unter den Leuten erwähnt, die bei der Sicherstellung der Gemälde behilflich sein könnten. Die Aktennotiz ging am 30. November 1953 beim State Department ein. Weshalb wurden Moore und Brazelton nicht vernommen?

Natürlich standen die Regimentskameraden noch in Verbindung miteinander. Entsprechend fielen die Aussagen aus. Man wußte von nichts, hatte auch nichts gesehen und nichts gehört. Sergeant Leitko konnte sich nicht einmal mehr erinnern, in Schwarzburg ein Schloß bemerkt zu haben. Aber er wußte immerhin von Fremdarbeitern zu berichten, die in der Gegend "vagabundierten".

Nur Captain Estes gab zu, von Gemälden gewußt zu haben, er habe sie in Begleitung von Lieutenant Colonel Gatlin besichtigt. Aber dann schränkte er ein, sich nur an ein Bild mit einem Kind zu erinnern, dem eine Fliege auf der Nase gesessen habe (Cranachs "Venus mit dem von Bienen verfolgten Amor"). Das Bild sei dann verschwunden, und er habe eine Untersuchung angestrengt. Doch weder der Bataillonskommandeur noch die verhörten Regimentskameraden wollten von der Untersuchung etwas wissen.

"Aus der vorgenommenen Untersuchung folgt der Schluß, daß die für den Diebstahl der Gemälde aus Schloß Schwarzburg verantwortliche(n) Person(en) nicht identifiziert werden konnte(n)", resümierte Untersuchungsrichter M. T. Farmer am 20. Januar 1955.

Elf Jahre lang geschah nichts. Dann brachte die auf der ersten Seite: "Kunstwerke für 500 Dollar könnten die vermißten, eine Million Dollar werten Dürer sein".

Edward I. Elicofon, ein in BrooklynNew York ansässiger Anwalt, hatte der Zeitung berichtet: "Eines Tages, im Jahre 1946, kam ein Mann, ungefähr 25 bis 30 Jahre alt, in meine Wohnung und sagte, er sei von einem meiner Freunde zu mir geschickt worden. Unter dem Arm trug der Mann ein Paket mit acht Gemälden, von denen er behauptete, er habe sie in Europa gekauft. Mr. Elicofon diskutierte mit dem jungen Mann über die zwei Portraits, um den Preis schachernd. Min einigte sich schließlich auf 500 Dollar, die er in bar bezahlte "

War dem Reporter der New York Times, Milton Esterow, nicht aufgefallen, daß es ein Unding war, acht - wenn auch kleinformatige (das größte maß immerhin 59 x 84 5 Zentimenter - dick eingerahmte Bilder so einfach "unter dem Arm" zu tragen? Zudem stimmte das mit den acht vermißten Bildern nicht. Durch ein Versehen hatte Ardelia Hall als Beilage zu Scheidigs Brief vom 21. Oktober 1953 nur die Liste mit acht Gemälden erhalten, das zweite Blatt mit den übrigen fünf vermißten Werken war zurückgeblieben. Scheidig schickte die Seite am 6. Juni 1966 nach. Die amerikanische Öffentlichkeit - und damit auch Mr. Elicofon - wußte bis dahin nur von acht gestohlenen Bildern (Das dreizehnte Bild, C. W. E. Dietrichs "Besenbinder mit Kind", war irrtümlich nicht gemeldet worden, so daß nur zwölf Gemälde aus Schwarzburg als gestohlen gesucht wurElicofon erinnerte sich auch, eine Quittung erhalten zu haben; aber die könne er jetzt, nach zwanzig Jahren, nicht mehr finden.

Auf Scheidigs Ersuchen setzte sich das Amt für den Rechtsschutz des Vermögens der DDR in Ost Berlin mit der Treuhandverwaltung für Kulturgut der Bundesrepublik in Verbindung, die in den Vereinigten Staaten ein Anwaltsbüro engagierte. Frau Hall hatte anfangs noch die Hoffnung gehegt, Scheidig in New York begrüßen zu können. Ihr Glaube, daß sich die Angelegenheit mit einer Entschädigung des Anwalts aus Brooklyn in Höhe des damaligen Kaufbetrags von 500 Dollar erledigen lasse, war bei dem von der New York mälde dann doch etwas zu kühn.

Inzwischen hatten amerikanische Museen lebhaftes Interesse an dem Erwerb der Dürer Bilder bekundet "Ihre Anwälte kamen zu mir, um sich nach den Eigentumsrechten zu erkundigen. Ich habe sie an das State Department verwiesen", schrieb Ardelia Hall am 26. Juli 1966 an Walter Scheidig. Aber sie hoffte, die beiden Gemälde würden in die Treuhandschaft des Gerichts übernommen. Und so geschah es dann auch.

In seinem Brief vom 6. Juni 1966 an Ardelia Hall hatte Scheidig auch mitgeteilt, daß eines der gestohlenen Bilder, F. A. Tischbeins "Bildnis der Lady Elizabeth Hervay geb. Poster", im Frühjahr 1965 im Besitz des Münchner Kunsthändlers Walter Andreas Hofer gewesen sei. Hofer habe das Bild aus den Vereinigten Staaten erworben "Er hat es, als er von uns die Mitteilung von unserem Verlust erhielt, schnell in die Schweiz an Herrn Heinz Kisters, Kreuzungen (Schweiz), Seeblickstraße 34, weiterverkauft. Verkäufer und Käufer sind ausdrücklich von uns unterrichtet worden, daß sie gestohlenes Gut nehmen "

Eine Rückäußerung hat Scheidig nie erhalten. Von Walter Andreas Hofer konnte er sie auch kaum erwarten. Denn bei ihm handelte es sich um den Chefaufkäufer von Reichsmarschall Göring und zugleich Direktor von dessen Kunstgalerie in Carinhall. Ein alter Bekannter also aus der Kunstraubgeschichte des Dritten Reiches, deren Aktivisten nie zur Rechenschaft gezogen wurden - mit Ausnahme von Gerhard Utikal, des Hauptverantwortlichen in Rosenbergs Einsatzstab. Aber der wurde ausgerechnet von einem französischen Gericht freigesprochen Übrigens scheint sich Kisters auf derlei Schnäppchen spezialisiert zu haben. Aus einem Aktenvermerk des Amtes für Rechtsschutz des Vermögens der DDR vorn 23. März 1989 geht hervor, daß sich auch cL; 1945 äs der Dorfkirche von KurbitzKreis Flauen gesioluener CranachAltar im Haus Beraraim, 8280 Kreuzungen Schweiz, befindet.

Die Untersuchungen, in; Juni 1966 aufgenommen, zogen sich hin. Edward I. Elicofon war durchaus nicht elnveräandai, einen Besitz, der eine Million Dollar wert var, für das Trinkgeld von 500 Dollar wieder herzugeben Überhaupt, so argumentierte er, stammten die Bilder aus einem Land, das für die Vereinigten Staaten gar nicht existierte. Und wieso gab es einen Vertretungsanspruch der Bundesrepublik Deutschland für dieses nichtexistierende Land?

Natürlich wurden in dem Prozeß vor dem Eastern District Court von New York, in dem die Bundesrepublik Deutschland als Klägerin und die Erbgroßherzogin von Sachsen Weimar Eisenach und die Kunstsammlungen zu Weimar als Nebenkläger auftraten, auch Angehörige der Kompanie F verhört: Estes, Wooten, Walters und schließlich Churchill J. Brazelton, dem das Verhör 1954 erspart geblieben war.

Die Aussagen der Offiziere wurden Anfang Dezember 1979 protokolliert. Walter Scheidig war inzwischen, am 26. Dezember 1977, verstorben. In seinem Bericht über die Inspektion in Schwarzburg am 12. Juni 1945 hatte Scheidig geschrieben, daß ihn ein Student der Princeton University begleitet habe. Brazelton sagt aus, er sei Absolvent der Princeton University und habe Scheidig in Weimar kennenglernt. Aber zu keiner Zeit sei er in Schwarzburg gewesen "Im späten Frühjahr 1945 war ich Leutnant einer Nachrichteneinheit in der 1. Armee. Für einen Teil dieser Zeit war ich in Weimar, Deutschland, stationiert "

Niemand fragte den Lieutenant a. D, zu welchem Zweck ein Offizier des militärischen Geheimdienstes der 1. Armee in die 3. Armee abkommandiert wurde. Scheidig, so Brazelton, habe ihm gegenüber nie von Gemäldediebstählen gesprochen, jedoch die Plünderung einer wertvollen Münzsammlung durch die Amerikaner erwähnt. Das wiederum war nicht gut möglich, hatte Scheidig doch den Münzdiebstahl erst nach Abzug der Amerikaner festgestellt. Aber Scheidig war tot und eine Gegenaussage nicht mehr zu erwarten. Die Münzsammlung hat dann ein Colonel Smith Ende 1948 einem amerikanischen Kunsthändler in New York angeboten.

Aber diesen Churchill J, Brazelton hatte Scheidig in seiaet Aktennotiz yuai 20. September 1945 ausdrücklich als den Mann erwähnt, der bei der Sicherstellung der vermißten Gemälde behilflich sein könnte. In schnoddrigem Ton sagte Brazelton aus: "Über ein Jahr, nachdem ich Weimar verlassen hatte, erhielt ich einen Brief von Dr. Scheidig, in dem er über die schlechte Lebensmittelversorgung klagte und fragte, ob ich ihm ein paar Lebensmittel schicken könnte. Der Briefschreiber erwähnte keinerlei Diebstahl von Gemälden und ersuchte mich auch nicht um Hilfe bei der Suche oder Sicherstellung von Gemälden "

Der Museumsdirektor war tot, eine Gegenüberstellung mit ihm hatten die Offiziere nicht mehr zu befürchten. Im übrigen waren sie vorher belehrt worden, daß niemand sie zwingen könnte, eine Frage zu beantworten, wenn sie sich damit selbst belasteten. Ihre Anhörung war nicht mehr als eine Farce, und angesichts der monotonen Wiederholung der Unschuldsbeteuerungen wagte das Gericht sogar, die Schlußaussagen zu standardisieren: "Ich bin ziemlich sicher, daß solche Dinge unter den Offizieren diskutiert worden oder mir in anderer Weise bekannt geworden wären "

Am 5. Mai 1982 entschied ein Appellationsgericht in New York, daß die Dürer Bilder an die Kunstsammlungen zu Weimar zurückzugeben seien. Doch was wurde aus den anderen Gemälden? Nur von einem ist der spätere Verbleib bekannt: Es geriet in die Sammlung Kisters in Kreuzungen.

Doch aus Weimar war noch mehr - und in andere Richtung - verschwunden. Um diese Pfade zu beschreiben, ist ein Sprung in die unmittelbare Nachkriegszeit nötig. Am 4. Juli 1945 trafen drei sowjetische Offiziere der Berliner Garnison, Oberst Belokitonow, Oberstleutnant Sidorow und Oberleutnant Ludschuweit, in dem Bergarbeiterort Merkers ein. Hier hatten die Reichsbank ihre Gold- und Devisenbestände und die Berliner Museen den wertvollsten Teil ihrer Schätze im Kalischacht Kaiseroda IIIII eingelagert. Zwischen dem 15 und 17. April hatten General Pattons Leute das Depot geräumt und in die amerikanische Zone gebracht. Die Herren aus der Berliner Garnison waren enttäuscht, in dem Kalischacht nur noch kärgliche Reste vorzufinden. An diesem Ort kam ihre "Trophäenkommission" zu spät. Die sowjetischen Militärbehörden reagierten ausgesprochen sauer auf den Coup ihrer amerikanischen Alliierten, war doch in Teheran und Jalta vereinbart worden, nichts aus der Zone des Verbündeten abzutransportieren. Die veröffentlichten Dokumente zu den Potsdamer Verhandlungen erwähnen diesen Dissens nur in wenigen Worten. Doch die Frage, ob deutsches Kunstgut als Beute zu betrachten und in die Reparations auflagen einzubeziehen sei, hat damals eine weit größere Rolle gespielt als der Öffentlichkeit später bekanntgegeben wurde. Allein die Bezeichnung "Trophäenkommission" in dem sowjetischen Truppenaufgebot spricht Bände. Die Amerikaner hatten dafür feinere Bezeichnungen: ALIU (Kunstgutraub Untersuchungseinheit) oder MFA & A (Denkmäler, Kunstgut und Archive).

So mancher General, Offizier oder Soldat der US Army hielt es damals geradezu für seine vaterländische Pflicht, etwas mitzubringen aus dem verrückten alten Europa. Die mit dem Kunstschutz in Europa beauftragte Roberts Kommission hatte den Freibrief schon ausgestellt, bevor die Westalliierten im Juni 1944 an der Normandieküste landeten. Denn 5000 Dollar mußte ein Gegenstand wert sein, um als Kunstgegenstand zu gelten. Mit dieser Wertgrenze ließ sich schon einiges machen: 5000 Dollar waren 22 500 Reichsmark nach dem Vorkriegskurs. Danach galt der Inflationskurs bis zu l zu 1000.

Marschall Georgij Konstantinowitsch Schukow, 1945 und 1946 Oberkommandierender der Sowjetischen Militäradministration für Deutschland (SMAD) und nachmaliger Verteidigungsminister der UdSSR (1955 bis 1957), hat sich von derlei Vorstellungen gewiß nicht leiten lassen. Doch welcher Sieger umgibt sich nicht mit Trophäen? Die Evakuierungen von Kunst- und Kulturgut aus der sowjetischen Besatzungszone in die Sowjetunion waren längst abgeschlossen, als am 8. März 1946 ein sowjetischer General in Weimar eintraf. Er verlangte, das Depot des Schloßmuseums zu sehen. Das Depot befand sich in der Staatlichen Schnitzschule von Empfershausen. Der namentlich nicht mehr bekannte General wählte 22 Bilder aus und sagte, sie würden nach Berlin abtransportiert. Kriegsbeute oder Diebstahl? Scheidig setzte sich sofort mit dem Museunisreferenten der sowjetischen Militäradministration (SMA) Thüringen, Hauptmann Oserewski, in Verbindung. Der antwortete mit der Weisung, sofort ein Verzeichnis der betreffenden Bilder mit Wert- und Herkunftsangaben anzufertigen. Am folgenden Tag ersuchte Scheidig zusammen mit Oserewski um ein Gespräch mit dem Stellvertretenden Oberkommandierenden der SMA Thüringen, General Kolesnitschenko. Der General teilte dem Museumsdirektor kurzerhand mit, er habe die Gemälde sofort herauszugeben, sie seien für Marschall Schukow in Berlin bestimmt.

Bereits am folgenden Tag, dem 9. März 1945, wurden die 22 Bilder per Lkw nach Berlin abtransportiert. Scheidig erhielt eine formlose Quittung.

In seinen 1987 erschienenen Memoiren erwähnt Kolesnitschenko den Vorfall freilich nicht. Doch man erfährt, weshalb er es so eilig hatte mit dem Abtransport: "Übrigens muß ich noch erwähnen, daß . Marschall der Sowjetunion G. K. Schukow im März 1946 in die Sowjetunion abreiste " Seinen Posten nahm Marschall Sokolowski ein. Das "Abschiedsgeschenk" für Schukow war sehr sorgfältig ausgewählt worden. Unter den 22 Bildern befanden sich Werke großer Meister wie Willem van de Velde, Simon van Douw, Salomon van Ruisdael, Frans Snyders, Daniel Seghers, Philipp Hackert, Friedrich Preller, zwei unsignierte Gemälde niederländischer Meister des 17. Jahrhunderts. Den Gesamtwert gab Scheidig 1946 mit 297 500 Mark an. Heute wäre nicht eines der 22 Bilder für diesen Betrag zu haben.

In einer Sendung des DFF 2 vom 15. September 1990 wurde übrigens Marschall Tschuikow fälschlieh des Diebstahls an den Weimarer Gemäden bezichtigt. Doch schreibt Scheidig in seinem Brief vom 29. März 1946 an den Präsidenten des Landes Thüringen ausdrücklich von "Marschall Schukow". Tschuikow war zu dieser Zeit noch Generaloberst.

Mit diesen 22 Bildern war es noch nicht getan. Sowjetische Dienststellen liehen sich Gemälde aus, andere wurden im Depot Empfershausen von Soldaten und Offizieren gestohlen. Als die sowjetische Kommandantur Ende 1949 aufgelöst wurde, fehlten weitere 68 Gemälde, darunter Werke von Charles Brooking, Anton Graff, Philipp Hackert, Philipp F. Hamilton, George de Marees, Bonaventura Peeters, Friedrich Preller, Ludwig Strack sowie eines niederländischen Monogrammisten aus dem 17. Jahrhundert.

In BernhardRogners Verlustkatalog steht unter den zwölf von Amerikanern in Schloß Schwarzburg entwendeten Gemälden der deutliche Vermerk "Gestohlen". Unter den von Marschall Schukow als Souvenir beschlagnahmten 22 Bildern sowie den 56 von sowjetischen Dienststellen nicht zurückgegebenen liest man "Verschollen". Delikaterweise findet sich der gleiche Vermerk unter dem "Führergeschenk". Und für die zwölf ms Empfershausen entwendeten Gemälde galt schlicht und einfach: "Bei Auflösung des Depots in EmpfershausenRhön 1945 nicht mehr vorgefunden".

Die Prämisse, daß nicht sein kann, was nicht äein darf, daß also die eigenen Verbündeten nicht gestohlen haben konnten, galt in jenen Jahren nicht nur für ostdeutsche Kulturstätten. Bundesdeutsche Museen und Bibliotheken drückten sich ebenso verquast aus wie die Weimarer, obgleich sie wußten, wo die Diebe zu suchen waren. Das geschah nicht nur, weil die Deutschen wegen der Kunstraubpraktiken ihrer Truppen im Krieg das Kainsmal trugen. Es war ein Politikum. Und als die Amerikaner im Frühjahr 1948 die von General Clay zur "Sicherstellung" in die Vereinigten Staaten entführten 202 wertvollsten Bilder der Berliner Gemäldegalerie zurückgaben, kehrten auf demselben Schiff auch "20 lots" von "privatem" Diebesgut nach Deutschland zurück. Ohne jede Publicity. Denn wie ein Mr. Morris vom State Department am 1. September 1950 seiner Kollegin Ardelia Hall mitteilte, "hätte dies der Rückführung zum Schaden gereichen können". Aus diesem Grunde vermied man auch, die Diebe vor Gericht zu zitieren.

Zu den Souvenirs aus Weimar gehörten auch fünfzig Goldstücke aus der Münzsammlung des Museums. Ein Colonel Smith bot sie Ende 1948 einem Kunsthändler an, der sie wiederum der Firma Berry Hill in New York in Kommission gab. Der Oberst gab an, er habe die Münzen einem russischen General im Pokerspiel abgewonnen. Das Kriegsministerium hatte dem Colonel die Story abgenommen und den rechtmäßigen Erwerb bestätigt. Doch die Amerikaner waren bereits am 30. Juni 1945 aus Weimar abgezogen, und die Russen kamen erst am 3. Juli nach Weimar. Dem State Department war dies natürlich bekannt, und der biedere Colonel mußte das Diebesgut herausrücken. Die Münzen kamen in den fünfziger Jahren in die Treuhandschaft eines Museums in der Bundesrepublik und sind inzwischen nach Weimar zurückgekehrt.

Geradezu ekelhaft erscheint indes das Sakrileg an Deutschlands Nationaldichter. Die Zinksärge von Goethe und Schiller waren während des Krieges ausgelagert und Ende 1944 in einem Bunker in Jena untergebracht worden. Am 12. Mai 1945 wurden sie nach Weimar zurückgeholt. Als man dort 1952 die Särge öffnete, mußte man feststellen, daß alle sechs Orden von der Brust Goethes gestohlen waren. Angesichts des Goethe Kultes, den General Kolesnitschenko in Weimar aufzog, erscheint es fast ausgeschlossen, daß russische Soldaten die Täter waren. Jena befand sich bis zum 30. Juni 1945 in amerikanischer Gewalt.