Gewöhnlich verweigert Pietro Barilla Interviews mit jener Presse, die auf Zahlen oder auf Sagen ä la "Dallas" spezialisiert ist. Dieses Treffen mit einer deutschen Zeitung hat er aus Neugierde zugesagt. Das Plaudern gefällt ihm, und auch über sich zu reden - frei, ohne allzuviel Förmlichkeit, ohne den erfolgreichen Unternehmer zu spielen "Um Gottes willen", wird der alte Herr am Ende unseres Gesprächs sagen, "wenn ich mich selbst darstellen soll, dann geht es daneben "

"Signor Pietro", wie man den Herrn der Pasta im Betrieb und in seinem Parma nennt - jener kultivierten Stadt, die mit ihrer Kartause Stendhal inspirierte und die der Familie Barilla eine ganze Straße gewidmet hat , Signor Pietro redet nicht gern über Zahlen. Nicht, weil er sie geheimhalten möchte. Man hat den Eindruck, daß der 77jährige Herr glaubt, es gäbe bessere Themen. Gleichwohl verdienen die Zahlen des Herrn Barilla alle Achtung. Die Familie Barilla ist Inhaberin des größten europäischen Teigwarenkonzerns: Das Unternehmen liefert 20 Prozent des europäischen und 33 Prozent des italienischen Bedarfs. In Italien ist Barilla auch Marktführer bei Keksen und Cräkkern. Die 6000 Beschäftigten in den 25 italienischen und zwei spanischen Niederlassungen produzieren täglich vier Millionen Pasta Packungen. Das Blau der Barilla Packungen ist in Italien mindestens genauso beliebt wie die Farbe der Fußballnationalmannschaft.

Die Firma Barilla hat eine lange Geschichte. Den Grundstein legte 1875 der Großvater Pietro mit seinem Bäcker Pioniergeist. Dann kam Vater Riccardo, ein erfindungsreicher Handwerker, der in der Zwischenkriegszeit den kleinen geerbten Betrieb vergrößern konnte. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat die dritte Generation an: Unter Pietro Barilla und seinem Bruder Gianni erlebte das Unternehmen einen gewaltigen Aufschwung.

Macht es denn einen Unterschied, ob man Teigwaren oder Autos produziert? Signor Pietro antwortet feinsinnig: Er sei glücklich, ein Pastaproduzent zu sein, denn vor allem in den letzten Jahrzehnten habe seine Firma zu einer Verbesserung der Ernährung beigetragen, indem sie dem Verbraucher ein hochwertiges und für alle erschwingliches Produkt anbot "Wir werben für dieses Nahrungsmittel in der Überzeugung, etwas Gutes zu tun "

"Das Gute" ist ein oft wiederkehrendes Thema in den Gedanken des Pietro Barilla. Daß seine Arbeit ihm und seiner Familie nützlich gewesen ist, veranschaulicht er, indem er auf ein weißes Blatt eine Diagonale zeichnet: Unten schreibt er 1945, oben 1990 "1945 kamen die Arbeiter vom Lande. Sie kamen mit ihrem Fahrrad und Pfroren. Sie gingen in die Fabrik, wo es wegen der noch sehr einfachen Technik für das Trocknen der Nudeln sehr warm war. Wegen dieser Temperatursprünge wurden die Arbeiter häufig krank. Heute hingegen kommen sie fast alle mit dem Wagen, die Fabrikarbeit erfordert keine Körperkraft mehr, und nach einem Arbeitsleben können sie sich ein Haus kaufen In diesem Sinne versteht sich der Signor Pietro als "ein Protagonist, der für seinen Nächsten, für die Menschheit gearbeitet hat".

Auch wenn sie in Rente gehen, vergißt Pietro Barilla seine Angestellten nicht. Jedes Jahr feiern die Pensionäre ihr Fest, und wie alle anderen Arbeitnehmer bekommen sie ihr Weihnachtspaket, ein Paket, über dessen Inhalt in Parma viele Geschichten die Runde machen: Eßbestecke und Tischgeschirr, ein ganzer Satz Töpfe, Koffer dazu panettone und spumante. Und die Älteren bekommen noch ein Extra: Nicht nur eine Palette der BarillaProdukte, die sie für ein paar Monate vom Einkaufen freistellt, sondern, als besondere Aufmerksamkeit des Signor Pietro, zwölf Liter Olivenöl. Zum Dienstjubiläum nach 25, 30 oder gar 40 Jahren gibt es eine Goldmedaille.

Auf diese "gestrige" Art hängt Signor Barilla seinem Traum nach: Auch im nächsten Jahrhundert soll Barilla "eine Tradition hochhalten, die sich an erster Stelle mit Menschen und nicht mit Maschinen befaßt". Die 400 Computer in den Büros des Führungszentrums beweisen, daß die Technik des Unternehmens trotzdem auf der Höhe der Zeit ist. Dank der Technik kommen Teigwaren bei der Herstellung mit Menschenhänden gar nicht mehr in Berührung.