Von Hans-Martin Sass

Aus dem Elend der quälenden Diskussion um den Paragraphen 218 können uns Begriffe wie „Indikationen“ oder „Selbstbestimmung“, „Tatort“ oder „Wohnort“ nicht befreien. Vergeblich haben wir bislang versucht zu erreichen, eine nach humanen Prinzipien gestaltete Lösung aus dem selbstgeschaffenen ethischen Dilemma zu finden, und den vermeintlichen Fortschritt aus den Erkenntnissen von Reproduktionsbiologie und Medizin haben wir so gründlich mißverstanden, daß er uns im Wege steht.

Die entscheidende Frage, die wir beantworten müssen, lautet: Wann beginnt das Leben des Menschen?

Gewiß, die Identität beginnt 24 bis 48 Stunden nach dem Eindringen des Samens mit der Bildung des neuen Genoms im Stadium von vier bis acht Zellen. Aber ist dieser Beginn biologischer Identität auch der Beginn personalen Lebens? Aus der Vereinigung der Gameten von Mann und Frau kann personales menschliches Leben enstehen, aber nicht sofort, sondern erst viele Wochen später.

Aus dem Argument, daß mit der Keimanlage, mit der dieser innewohnenden sogenannten Potentialität zur Menschwerdung das menschliche Leben beginnt, werden Forderungen abgeleitet, die sich eine schier nicht tragbare Verantwortung anmaßen: Die Potentialität einer einzelnen ejakulierten Samenzelle, jeder herangereiften oder befruchteten Eizelle, jeder Keimanlage aus vier oder acht Zellen läßt sich ebensowenig schützen wie die Individualität der omnipotenten Zellen dieses Zellkonglomerats.

Der verstorbene Moraltheologe Karl Rahner hat auf das logische und theologische Dilemma aufmerksam gemacht: Da mehr als sechzig Prozent der Embryonen vor der Implantation absterben, würde dies bedeuten, daß über die Hälfte aller mit einer unsterblichen Seele ausgestatteten menschlichen Personen sich nicht über die ersten undifferenzierten Stadien des Lebens hinaus entwickeln würden.

Darüber hinaus gibt es kulturelle und ethische Prioritäten, die es uns unmöglich machen, Verantwortung für die Potentialitäten des menschlichen Lebens zu übernehmen. Wir machen uns nicht klar, daß alle Formen von Verhinderung einer Schwangerschaft – gleichgültig ob durch die sogenannten „natürlichen“ Zeitwahlmethoden (Knaus-Ogino), die „unnatürliche“ hormonale Kontrazeption, die mechanische Verhütung durch Spirale oder Kondome – gegen das Potentialitätsprinzip verstoßen. Das gilt ebenso für das Keuschheitsgelübde von Mönchen, Nonnen oder Priestern wie für alle Formen des Sexualverkehrs, die nicht auf die Befruchtung gerichtet sind. Einige dieser Verstöße gelten als kulturell hochwertig, andere nicht. Und über viele wird gar nicht erst nachgedacht