Von Raimund Hoghe

Dezember 1985. Ein Abschied. Andreas sagt: "Ich denk’ einfach: Ich schaff’s. Fertig." Wenig später, nach einem gerade überstandenen neuen Krankheitsschub, fliegt der 22jährige nach Amerika, zu einem Freund nach New York. "New York war kalt." Er erfüllt sich einen Traum. Mit einem Leihwagen fährt der Aids-Kranke, dem die Ärzte nur noch wenige Wochen Leben gaben, quer durch die USA. Ziel: Kalifornien, San Francisco. Die Rechnung der Mietwagenfirma ist das letzte Lebenszeichen von Andreas, das in Deutschland ankommt.

Herbst 1990. Ein Anruf. Ob ich mich an ihn erinnere? Andreas. Er sei zurück aus Amerika. Während er vom Leben in San Francisco und Los Angeles erzählt, vom Überleben spricht und vom Sterben, mache ich mir Notizen. "Ich war gelähmt. Ich konnte nicht mehr sprechen. War eine Woche im Koma. ‚Der hat noch ein, zwei Wochen‘, hat man gemeint." Gelebt habe er unter anderem in einem der Hospize für Aids-Kranke. Die Mitbewohner im Zweibettzimmer wechselten häufig. "Wenn einer verstorben war, kam der nächste – und immer der Gedanke: Das könnte ich sein." Daß er gegen alle Prognosen überlebte – auch darüber würde er gern mit mir sprechen und sagen: "Seht, ihr anderen, es ist möglich." Zurückgekommen nach Deutschland sei er aus Heimweh. "Ich hab’ halt immer noch Sehnsucht nach meinen Eltern." Doch die würden ihn, den schwulen Sohn, noch immer nicht sehen wollen – wie vor fünf Jahren, als ich das erste Mal über ihn schrieb und er gesagt hatte: "Seit ich krank bin, hab’ ich Heimweh, dahin zurückzukommen, wo ich herkomme."

Ludwigsburg, 500 Kilometer entfernt vom Wohnort der Eltern. Ein trüber Novembertag. Draußen friert man. Das Zimmer ist warm. Andreas trägt nur T-Shirt und Schlafanzughose. Mit dickem Schal und Winterjacke begrüße ich ihn. Meine Hände sind kalt. Er habe Tee gekocht, sagt Andreas und legt sich auf sein Bett. In Reichweite hängt ein Notrufgerät. Eine Kerze brennt. Eine dunkelrote Rose ist fast verblüht.

Neben Andreas liegt ein Teddybär. Er nennt ihn Jasper. Manchmal mache er Rollenspiele mit ihm, berichtet er später. Dann schreie er ihn auch mal an: "Warum nimmst du mir gerade den Atem?" Beschimpfe ihn, "daß es mir so schlecht geht". Während des Gesprächs nimmt er das Plüschtier oft einfach in den Arm. "Ich brauch’ ihn zum Knuddeln." Auch abends, wenn er nicht einschlafen könne, nehme er ihn und versuche, sich in den Schlaf zu singen. Mit dem Teddy im Arm singe er dann einfache Kinderlieder. "Schlaf, Kindchen, schlaf..."

Als er krank und arbeitslos wurde, war er 21. Jetzt ist er 27. "Unanständig alt", bemerkt er lächelnd. Oft fühle er sich wie ein Rentner, der zurückblicke auf sein Leben. "Ich hab’ so viele Leute kennengelernt – und jeder ist anders gestorben. Manche haben noch zwei, drei Tage hintereinander gekämpft, und andere sind einfach eingeschlafen. Das waren fast alles junge Leute, zwischen neunzehn und vierzig die meisten – nur ein oder zwei, die älter waren. Es waren so viele, die gestorben sind. So viele: Ich hab’ bestimmt dreißig Leute sterben sehen in den vier Jahren." Von einigen erzählt er am nächsten Tag: Michael. Der sei erst 22 gewesen und unübersehbar gezeichnet vom Kaposi-Sarkom. Sein ganzer Körper sei blau gewesen vom Hautkrebs und sein Gesicht ganz geschwollen. "Der ging trotzdem einkaufen und zeigte sich. Der hat sich nicht versteckt." Andreas versucht, seine Tränen zurückzuhalten.

"Das war ein ganz lieber Junge. Den hat man einfach umarmen müssen." Nach einer Pause sagt er: "Ich hätte so gern noch ein paar Jahre. Ich hätte so gern das Jahr 2000 noch erlebt."