General Noriegas Telephonate aus dem Gefängnis wurden abgehört. Ist der Prozeß jetzt geplatzt?

Noriega? Ach ja, der panamaische Diktator mit der unschönen Physiognomie. Er wurde doch im Dezember vergangenen Jahres nach der Invasion seines Landes, welche das Pentagon verschämt "Operation" nannte, nach Miami verbracht, nicht wahr? Eine, können wir es so sagen, Zwangsumsiedlung, die völkerrechtlich trotz der möglichen Schwere der Taten des Generals nicht ganz unheikel war, die aber doch wegen ihres Symbolismus vielen akzeptabel erschien. Denn in Miami, das haben wir von Don Johnsons alias Sunny Crocketts Auftritten in unzähligen Folgen der Serie Miami Vice gelernt, werden Drogenbosse zur Verantwortung gezogen, so oder so.

Oder doch nicht? Lange Zeit schien es ja, als würde der General irgendwo im Hochsicherheitstrakt schmoren und in Vergessenheit geraten, Montecristohaft sozusagen.

Plötzlich aber wissen wir mehr. Zum einen, daß Noriega keineswegs in dunklen Verliesen modern muß, sondern recht komfortabel in einer Zelle von drei Zimmern wohnt, daß diese mit Farbfernseher, Trimm-dich-Rad und Telephon ausgestattet ist. Zum andern, Last des Luxus, daß sein Telephon abgehört wurde. Die amerikanische Fernsehgesellschaft CNN hat, indem sie die Abhörmitschnitte sendete – wie sie an diese gelangte, ist unbekannt, daß diese im CNN-eigenen Hotel vom FBI wieder beschlagnahmt wurden, ist eine andere Geschichte CNN hat also dafür gesorgt, daß Noriega nicht einfach mehr Insasse Nummer 38699079 ist, sondern wieder ein Prominenter, zudem: ein Opfer.

Zwar dürfen amerikanische Behörden durchaus Gefängnistelephonate überwachen, soweit reichen die rechtlichen Möglichkeiten des Habeas corpus. Sie dürfen aber nicht bei Verteidigergesprächen mithören. Und da, scheint’s, haben die Lauscher – oder Noriega selbst – geschlampt.

Aber gemach, die Rechtslage ist genauso verworren wie die Sache selber. Normales Prozedere wäre gewesen, daß Noriega Vorwarnung gegeben hätte: "Ich spreche jetzt mit meinen Anwälten." So halten es angeblich normale Gefangene. Und angeblich schaltet dann die Polizei ihr Tonband aus. Gegenwärtig läßt sich noch nicht ausmachen, wer sich der Unterlassung schuldig machte, der General oder sein Schließer. Die CNN-Leute behaupten derweil, die sieben Tonbänder in ihrem Besitz bewiesen, daß Noriega mit seinen Verteidigern gesprochen habe. Einer von diesen, der wortgewaltige Frank Rubino, hat sich schon "völlig überrascht und entsetzt gegeben", sogleich einen Gerichtsbeschluß erwirkt und den Prozeß gegen seinen Mandanten für geplatzt erklärt. Mit dem Versuch, den Fernsehleuten die Sendung weiterer Mitschnitte verbieten zu lassen, hatte er freilich nur vorübergehend Erfolg.

Zwei bedeutende amerikanische Verfassungszusätze stehen hier im Konflikt miteinander. Der erste, der der freien Meinungsäußerung, auf den sich die amerikanischen Medien bisher immer berufen haben, und dessentwegen ihnen vom obersten Gericht bisher immer das Recht zugebilligt wurde, das zu veröffentlichen, woran sie ihre Hände bekommen, auch die geheimen "Pentagon-Papiere" des Vietnamkriegs. Und der sechste, der einen fairen Prozeß und damit das vertrauliche Verteidigergespräch zusichert.