Die Frage im Titel ihres zweiten Memoiren-Bandes, den sie dem Tod noch abgetrotzt hat, wird nun für immer offenbleiben: „Welche Welt ist meine Welt?“ War Wien ihre Welt, wo Hilde Spiel 1911 geboren, wo sie jetzt im Alter von 79 Jahren gestorben ist?

Aber hat sie unter Wien, unter Österreich nicht gelitten wie in einer auf Erden eingerichteten Hölle, wo ihr, der von den Nazis tödlich bedrohten Jüdin, schließlich noch zugemutet wurde, unter einem Präsidenten Kurt Waldheim zu leben? Ist sie nicht rasch wieder nach England zurückgekehrt, weil sie es in der Dumpfheit der Alpenrepublik nicht ausgehalten hat? Und wo, wenn nicht in einem englischen Salon, könnten wir diese tapfere Frau suchen, die bei all ihrer Klugheit stets den Charme – und die Distanz – einer Dame bewahrte? Und doch ist sie, ein zweites Mal, aus England in ihr geliebtes, gehaßtes Heimatland zurückgekehrt. Wie ein trauriger Gruß an England, an das Land, das ihr und ihrem ersten Mann, Peter de Mendelssohn, vor den Verfolgungen der Nazis Asyl gewährt hatte, klang ihre Wiener Adresse: Cottagegasse.

War ihre Welt nicht die Literatur? Aber welche? Lob für ihre oft glänzenden, immer anregenden journalistischen Arbeiten, für ihre intelligenten Essays, Ubersetzungen aus dem Englischen oder ihre biographischen Arbeiten („Fanny Arnstein oder Die Emanzipation“) ließ sie sich eher widerwillig gefallen. Weshalb kein Wort über die Romane? Lange Zeit waren die im Deutschland nach dem Krieg einfach unbekannt, etwa „Kati auf der Brücke“. Schicksal der ins Exil getriebenen Schriftstellerinnen und Autoren, unter dem sie mehr gelitten hat, als sie wahrhaben wollte.

Es ist ihr gelungen, neben all der Tages-Fron, als Erzählerin wieder bekannt, ja beliebt zu werden, zuletzt mit ihren Lebenserinnerungen, deren erster Band den für ihr Dasein prägenden Titel hat: „Die hellen und die finsteren Zeiten“.

Aus England hat Hilde Spiel, die 1936 ihre Doktorarbeit über ein philosophisches Thema geschrieben hat und eine unbeirrbare Vernunftgläubige war, den Respekt vor dem Common sense mitgebracht, der ihrem aufklärerischen Geist eine anmutige Weitläufigkeit gab. Ihre Stimme wird im deutschen Feuilleton sehr fehlen. Und vermissen werden wir den österreichisch weichen Klang ihrer Stimme; wenn sie „Mein Lieber“ sagte, konnte das Lob, Skepsis oder Tadel sein. So betrieb sie Aufklärung, mit Anmut. R. M.