Heinz-Werner Meyer, Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes, hat der Bundesregierung am Tag nach der Wahl „konstruktiv-kritische“ Zusammenarbeit angeboten. Die Koalition sollte eine solche Offene nicht ausschlagen, denn sie läßt hoffen, daß die Gewerkschaften auch künftig ihre bisher so fruchtbare Rolle als Ordnungsmacht wahrnehmen wollen. Die aber ist jetzt wichtiger als jemals zuvor. Der politische und ökonomische Schaden von großen Arbeitskämpfen in Ost- und Westdeutschland wäre unübersehbar.

Nur drei Tage währte der Streik der Eisenbahner in den neuen Bundesländern – in normalen Zeiten kein Anlaß zur Sorge. Doch seit der deutschen Vereinigung müssen solche Tarifauseinandersetzungen mit anderen Augen gesehen werden. Angesichts der desolaten Lage in der ehemaligen DDR könnte der erste flächendeckende Ausstand nur ein Vorgeschmack für eine ganze Reihe weit schwererer Auseinandersetzungen um Löhne und Arbeitsbedingungen östlich der Elbe sein. Ist der soziale Friede, dem die zweite deutsche Republik nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus Wohlstand und gesellschaftliche Stabilität verdankt, in Gefahr?

In den nächsten Wochen und Monaten laufen viele Tarifverträge in Ostdeutschland aus. Die Metallindustrie gehört dazu ebenso wie die Chemie und Teile des Verbrauchsgütergewerbes. Aber auch bei Sparkassen, Einzelhandel und im öffentlichen Dienst (Ende Mai) stehen Verhandlungen ins Haus. Rechtzeitig zu Weihnachten droht nun die Postgewerkschaft mit Streik.

Unzufriedenheit und Angst waren stets die Ursachen für soziale Unruhen, und beides ist in den fünf neuen Ländern weit verbreitet, nicht ohne Grund. Immerhin sagen Wirtschaftsexperten für das nächste Jahr ein Heer von drei Millionen Erwerbslosen und Kurzarbeitern im Osten Deutschlands voraus. Und die Einkommen der Beschäftigten erreichen derzeit – von Ausnahmen abgesehen – wenig mehr als vierzig Prozent des Niveaus im Westen der Republik. Steigende Mieten und Energiepreise werden zudem den verfügbaren Teil des Verdienstes bald kräftig mindern. Kein Wunder, daß der Druck auf die Gewerkschaften, die doch aus der Sicht der Ostdeutschen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der Bundesrepublik wahre Wunder vollbracht haben, enorm groß ist.

Doch die heutige Situation läßt sich mit der damaligen nicht vergleichen. In den fünfziger Jahren stand die Wirtschaft in ganz Europa vor dem Wiederaufbau, es gab kein so großes Wohlstandsgefälle wie jetzt. Langsam konnten Arbeitnehmer und Unternehmer gemeinsam die Trümmer des Krieges beiseite räumen. Das atemberaubende Tempo, mit dem sich zwei so unterschiedliche Gesellschaften wie die alte Bundesrepublik und die ehemalige DDR zusammengeschlossen haben, aber läßt wenig Zeit für vernünftige Entwicklungen. Die Rezepte von gestern taugen nicht mehr. Und neue Denkansätze sind noch nicht in Sicht – weder bei den Arbeitgebern noch bei den Gewerkschaften.

Viel Zeit zum Nachdenken aber bleibt ihnen nicht. Schon jetzt drängen Arbeitslose, aber auch qualifizierte Fachkräfte aus den neuen Bundesländern gen Westen, um dort – notfalls auch mit geringerem Lohn als ihre Kollegen am Arbeitsplatz nebenan – eine neue Zukunft aufzubauen. Allein 100 000 Ostdeutsche pendeln derzeit täglich zur Arbeit nach Westberlin oder in die alten Grenzregionen. Mehr als 300 000, so eine Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg, sind in diesem Jahr schon in den Westen gezogen. Und nächstes Jahr wird mit einer halben Million gerechnet. Viele von ihnen wären für den Aufbau ihrer alten Heimat eigentlich dringend nötig, denn häufig sind es die Besten, die westwärts ziehen.

Für die Gewerkschaften, aber auch für viele Unternehmer, die den Start in Deutschland-Ost wagen wollen, ist dies Grund genug, auf eine rasche Angleichung der Einkommen zu drängen. Überdies, meinen sie, müsse für gleiche Arbeit auch gleicher Lohn gezahlt werden, ein Argument, das namentlich für den öffentlichen Dienst gilt. Die Ministerpräsidenten der fünf neuen Bundesländer haben denn auch schon eine verfassungsrechtliche Überprüfung der Einkommen ihrer Verwaltungsbediensteten angekündigt. Sie sehen das Gleichheitsgebot des Grundgesetzes verletzt, denn derzeit bezieht ein Kollege in der früheren DDR nur 35 Prozent des Gehaltes, das ein vergleichbarer Beschäftigter im Westen verdient.