Von Sibylle Zehle

Wäre der Condor auf dem Flug DE 3909 im dichten Nebel zwischen München und Leipzig etwas zugestoßen – nicht auszudenken! Sämtliche Vorabend-Serien des deutschen Fernsehens hätten umgeschrieben, ganze TV-Familien betrauert werden müssen; und diese Überlegungen waren weder von Hoffnung noch Schadenfreude begleitet, denn schließlich saßen wir, Reihe 11, Platz C, ja mittendrin in der deutschen Unterhaltung.

Können Sie sich vorstellen, wie das ist, wenn sich fast das gesamte deutsche TV-Personal in einem einzigen Flugzeug sammelt? Wenn schon beim Einchecken Lilo Pulver lacht, wie eben nur Lilo Pulver lacht, und gleich daneben Caroline Reiber, die Haare bereits zum Helm gesprayt, ihr Ticket vorlegt mit einem herzlichen Grrrüß Gott, und man selber hat noch nicht mal ein Frühstück im Magen? – Kommissar Tappert stellt sich eher unauffällig an, wie gewohnt im hellen Trench; und gleich dahinter Winnetou, ganz ungewohnt in bayerischem Loden, nicht mal eine Feder am Hut. Eben all die Persönlichkeiten, die unser mediales Freizeitleben prägten und prägen, brav aufgereiht, MichaelSchanzeMaxSchautzerFritzWepper-ElmarWepperlrisBerbenSentaBerger- EduardZimmermann ... Natürlich ist auch der Heinz Sielmann aus dem Tierreich da, und daß man ihn hier trifft, wundert nicht: Ist diese Reise nicht auch eine Art Expedition? Die Reise der Prommis aus dem Westen zur Verleihung der Bambis im Osten?

Die Vorbereitungen zum diesjährigen Bambi-Fest in der Leipziger Oper reichen weit zurück, und damit meinen wir nicht die Organisation des Burda Verlages, der die Bronze-Tiere seit 43 Jahren züchtet und vergibt. Wir denken zum Beispiel an die Verkäuferin bei Yves Saint Laurent in der Münchner Maximilianstraße, die kopfschüttelnd fragte: Warum wollen denn hier seit Tagen bloß alle „was Schlichtes“? – Oder an das Gespräch, dem beizuwohnen uns einen Tag vor dem Ost-Ereignis bei „Käfer“ gegeben war: Du, zum Bambi nehm’ ich den Mini-Flieger. – Der Jet vom Burda? – Du, ne, den Hubschrauber vom Bobby. Der Heinz ist auch mit drin. – Und ich dacht’, der Heinz fliegt mit dem Sixt.

Immerhin drängte in die große Charter-Maschine noch so viel Sternen-Glanz, daß die Männer am Boden die Ohrenschützer runterschoben und selbst der Flugkapitän seinen Hals verrenkte. Doch wie würde wohl das von Krawallen gepeinigte Leipzig auf das versammelte Münchner Leuchten reagieren? Mit Verachtung? Stolz? Desinteresse?

Beim Empfang ward uns angst und bang, auf dem Rollfeld Regine von Sixt, Münchner Autoverleih-Chefin, und ihre königliche Flotte: Hunden schwarze Daimler-Limousinen mit geleasten Chauffeuren und gefüllten Champagnergläsern, so konnte der Versuch, den Leipzigern nach der hart erkämpften Freiheit ein wenig Farbe, Glanz und Flitter ins Haus zu bringen, eigentlich nur danebengehen. Luxus-Limousinen auf den Straßen der Montagsmärsche. Oder gehört das einfach dazu? „Ich muß dich nun vor allen Dingen in lustige Gesellschaft bringen“, spricht Mephistopheles in „Auerbachs Keller“ zu Leipzig zum deprimierten Doktor Faustus, „damit du siehst, wie leicht sich’s leben läßt...“

Das Spektakel in der Leipziger Oper war dann freilich ohne Pferdefuß. Und auch das Hamburger Phantom der Oper blieb in der Unterwelt. Es war, als verlangsamte die Herzlichkeit der Leipziger das Tempo der einfallenden Gäste. Die sechziger Jahre feierten ein letztes Fest. Im Fahrstuhl des Hotels „Merkur“ nimmt Peter Kraus die schwärmerische Anbetung einer Hostess entgegen, im Foyer ernten Inge Meysel, O.W. Fischer und Karl-Heinz Böhm dankbar bewundernde Blicke.