Von Walter Jens

Der Körper des Weibes ist durchaus mehr gerundet, seine Formen sind milder und sanfter, der Umriß seiner Erhöhungen und Ausbeugungen mehr hervortretend und schöner; die Züge feiner, seine Stellungen und Bewegungen haben mehr geschmeidige Leichtigkeit; sein Äußeres mehr Anmuth und Schönheit; die den weiblichen Körper bedeckende Haut erscheint von zarterer und feinerer Organisation, hält mehr Gleichheit vereint mit einem frischeren und lebhafteren Colorit und sanfteren Widerstand bei der Berührung [...] die Brust ist schmäler, tiefer, mehr gerundet und kleiner, und unterscheidet sich durch den Umfang und die für das Auge des Mannes so verführerisch niedliche Form des Busens, der [...] in der Vollkommenheit wie bei dem Weibe die Brust des Mannes erstellen würde": So enthusiasmiert und poetisch hat, in entzückter und erhobener Rede, einmal ein deutscher Gynäkologe über seine Klientel gesprochen – und der so sprach, war kein Geringerer als Elias von Siebold, practischer Arzt und Geburtshelfer, Großherzoglicher Medizinalrath, öffentlicher, ordentlicher Professor der Medicin und Entbindungskunde auf der Universität zu Würzburg, dazu Stadt- und Landhebammenlehrer; und die Schrift, in der er, an der Grenze von Dichtung und anatomischer Meßkunst, die specimina feminini generis analysierte, war kein populäres Pamphlet, sondern – dem großen Hufeland, Siebolds Lehrer, gewidmet – das berühmte "Handbuch zur Erkenntnis und Heilung der Frauenzimmerkrankheiten", 1811 bei Varrentrapp und Sohn in Frankfurt erschienen.

Hundert Jahre vor jenem Sommersemester 1913, in dem – zeitgenössischen Klinikern zur Nachahmung empfohlen! – ein Gynäkologe aus Gießen seine öffentliche Vorlesung über "Die Stellung der Frau im modernen Leben" las ... ein saeculum also vor einer Zeit, in der sich, in raschem Aufschwung, der von langem, immer noch anhaltendem Retardieren gefolgt war, die Frauenheilkunde zur Frauenkunde zu erweitern begann, suchte Siebold – hier seiner Zeit weit voraus, dort noch von voraufklärerischer Borniertheit geprägt – mit Hilfe klinischer Analysen ein umfassendes Portrait der Frauen, mit ihrer kühnen Phantasie und geringen Intellektualität, ihrer Verläßlichkeit und ihrem ebenso gefährlichen wie berückenden Leichtsinn, zu geben.

Da paarte sich der Hymnus auf Anmut und Eleganz junger Frauen mit rüder Verurteilung der Damen in der "Decrepitität", dem Verödungsstadium, in dem die zuvor geradezu hymnisch beschriebene Gebärmutter, die in der Pubertät aufhöre, "fremder Gast" zu sein, und sich zum Mittelpunkt "der Bildung und Thätigkeit des ganzen Sexualsystems" erhebe, post festum, in sinistrer Isolation, "aus der Gemeinschaft mit den zu ihrem System [...] gehörigen Organen" wieder heraustrete: ohne Verantwortung und eigentümliches Geschäft – "eine lästige mechanische Bürde".

Das klingt ein wenig pathetisch, gewiß: Der Duktus der Prosa, mit seinem Spaß an gelehrter Bildlichkeit und medizinischer Metaphorik, bleibt geprägt vom Geist romantischen Naturverstehens ... und doch ist es ein Praktiker und kein spekulierender Laie, ein Kenner der gelehrten Forschung und kein Poet, der die Interna des Frauenlebens eröffnet – von der Scheide, die Siebold als Vorhof des Heiligtums ansieht, "in der der Befruchtungsact sich ereignet", bis zum Coitus selbst: "Die Erscheinungen unter dem Beischlafe sind ganz jene der Crise; [...] höchste Wollust, ein Stumpfwerden aller Sinne, ein allgemeines Gefühl von Wärme, wahre convulsivische und epileptische Bewegungen; die höchste innere Klarheit bei äußerer Unafficierbarkeit."

Und dennoch: So vollkommen Elias von Siebold, dieser Erzpoet und Gynäkologe, seine Frauenzimmer, ihr beklagenswertes Elend und die großen mit ihrer Natur vermachten Lüste, auch zu beschreiben versteht ... perfekter noch gerät ihm die Zeichnung der Frauenärzte, der Könige unter den Medizinern. Ein häßlicher Gynäkologe – Thersites am Krankenbett des schönen Geschlechts? Unvorstellbar! "Dem feineren Geschmacke [der Frauenzimmer], dem höheren Grad von Empfindung, dem ausgezeichneten Sinn für das Schöne und Regelmäßige gemäß, empfiehlt auch den Arzt eine äußere schöne Gestalt, verbunden mit Kultur und Gewandtheit seines Körpers, bei dem Frauenzimmer ungemein; und ein in dieser Beziehung von der Natur, durch Erziehung und andere Einflüsse verwahrloster Arzt, eine unregelmäßige und plumpe Haltung des Körpers, wird einem Frauenzimmer weit weniger anstehen." Gleichwohl, so wichtig die Statur auch sein möge, der männliche Anstand und die Dezenz: Bedeutsamer sei die Urbanität des Gynäkologen, die Delicatesse seines Auftretens und die Souveränität, die sich zumal in der Gesprächsführung zeige, wo es darauf ankäme, den Frauen zu bedeuten, daß man sie "auch in den dunkelsten Ausdrücken" verstehe.

Teilnahme, entschiedene Courage und Menschlichkeit hätten sich zu verschwistern: Sanftmut im Bunde mit Entschlossenheit und, dies vor allem, Intelligenz. Nur der Polyglotte, so Siebold, nur der Weltmann, der sein tumbes Deutsch (heute: Pidgin-Englisch) zu verfremden verstehe, sei befugt, sich Gynäkologe zu nennen: "Bei gebildeten deutschen Frauenzimmern vom Stande empfiehlt übrigens den Arzt sehr die Fertigkeit in einer ausländischen Sprache, vorzüglich in der französischen; so werden sie bei Erkundigung nach gewissen Dingen, wodurch man der weiblichen Schaamhaftigkeit zu nahe kommt, weit weniger erröthen und Zurückhaltung zeigen, wenn man die Frage ganz in französischer Sprache stellt, oder gewisse Theile, oder ihnen eigentümliche Funktionen [auf französisch] benennt."