Von Kuno Kruse

Leningrad, im Dezember

Tagsüber ist es naßkalt. Nachts wird es eisig. Immer ist es trübe, und es dunkelt schon mittags. Wetter, das einstimmt auf den Winter. Im fahlen Schein der Laternen geschäftige Menschen. Im Zweiminutentakt spuckt die Metro sie auf den Boulevard. Überall Fellmützen und Pelze; Rempeln und Stoßen; eilige Schritte nasser Stiefel, blicklose Hast. Muße und Müdigkeit sind verdrängt von der Furcht vor der Heimkehr mit leeren Taschen. Wolgas und Ladas pflügen durch den Matsch. Versteckter Müll in den Hinterhöfen und Kohlebrand in der Luft. Als Kulisse Paläste, Brücken und Eisschollen, klassizistische Säulen und bröckelnder Putz. Das ist Leningrad, im Dezember 1990: eine Fünfmillionenstadt, neben Helsinki die nördlichste Metropole der Welt.

Vom Hunger bedroht? Hunger bedeutet bettelnde Kinder und lethargische Eltern – so stellen wir uns das jedenfalls vor. Doch so ist es nicht in Leningrad. Leningrad ist neureich und bitterarm, weltstädtisch und russisch. Und es ist im Umbruch.

In den feinen Restaurants am Newski-Prospekt spielen Bands. Man lauscht den "Moskauer Nächten" und tanzt Lambada. Mehrgängig wird getafelt: Wurst und Schinken, gebratenes Fleisch und Kartoffeln. Der Pizza-Service funktioniert, und in den Hotelsälen lassen russische Hochzeits- und Verlobungsgesellschaften den Rubel rollen.

Draußen aber, vor den einfachen Läden, lauern lange Schlangen, um nach einem Stück Fleisch zu schnappen. Die Ellenbogen gegen den Rücken des Vordermannes gestemmt, das schafft Raum zum Atmen. Vorsicht, die Schlange beißt! Niemand nähere sich dem Kopf. Auch nicht, um nur über die leeren Tresen zu schauen.

"Es wird Fleisch geben", sagt die Alte. Für sie vielleicht. Sie steht ganz vorn. Sie besitzt Marken, die Anfang dieses Monats ausgegeben wurden, und die "Visitenkarte", die sie als kaufberechtigte Leningraderin ausweist.