Zwei Filme aus einem Land, in dem das Kino verkümmert, langsam, aber unaufhörlich. Gründe für die Misere gibt es viele, Gegenrezepte auch, man könnte sie alle aufzäilen; es lohnt nicht. Der Markt wird kleiner, die Macht der amerikanischen Verleiher immer größer, das Fernsehen kürzt seine Spielfilmbudgets, die Produzenten wandern aus, die Gremien streiten sich. Wie in Deutschland, wie überall in Europa – jetzt auch in England: the last picure show. Das Jahrzehnt des New British Cinema ist vorbei, die Epoche der Armut beginnt. Letztes Jahr mußte der Regisseur John Boorman seinen Film "Zeit der bunten Vögel" in Amerika drehen, weil er in England dafür kein Geld bekam. Aus London wurde New York, der Film ging daran kaputt. Tote Vögel.

Zwei Filme über London, Bristol, Liverpool: "Paper Mask" von Christopher Morahan, "Dancin’ thru the Dark" von Mike Ockrent. Morahan hat Fernsehfilme und Serien gedreht, bevor er zum Kino kam ("Clockwise", 1985); Ockrent ist Theaterregisseur, "Dancin’ thru the Dark" sein Spielfilmdebüt. Zwei Aufsteiger, Einsteiger, die um ihren Platz in der Branche kämpfen, ihren Namen, ihre Profession. Ihre Talente sind verschieden, ihre Chancen gering.

Von London bis Liverpool: Klassenverhältnisse. Ein junger Niemand träumt vom Erfolg und wechselt die Existenz, ein Mädchen sucht den Weg aus der Provinz in die Welt. Beide bekommen, was sie sich wünschen, fern von London und Liverpool. Und auf dem Weg dorthin, auf dem Weg ins Glück und im Weg, als monströses Hindernis, liegt England: in seiner ganzen Lächerlichkeit, Bösartigkeit, Spießigkeit, Verlogenheit. Englische Filme sind immer für eine Englandvernichtung gut. Und oft sind sie nur darin gut.

"Paper Mask" ist die Geschichte des Krankenpflegers Matthew, der die Identität eines gerade gestorbenen Arztes annimmt, um endlich someone zu werden und something zu sein. Eine Krankenschwester in Bristol bringt ihm sein Handwerk bei; er macht sie zu seiner Geliebten. Ein Kumpel aus London kommt ihm auf die Spur; er tötet ihn. Der Held verwandelt sich in ein Scheusal und der Film in ein Lehrstück. Das wäre nicht schlimm, hätte Christopher Morahan auch nur die geringste Sympathie für seine Figuren: den Mörder, der um seine Lebenslüge kämpft, die Frau, die sich zur Komplizin macht. Aber Morahans Film, nach einem Drehbuch von John Collee, ist schlimmer als kalt, er ist rechthaberisch. Hinter jedem Skalpell, das er vorzeigt, steckt ein erhobener Zeigefinger. "Vorsieht Arzt!" heißt der deutsche Titel des Films. Und das ist alles, scheint es, was Morahan uns sagen will.

"Dancin’ thru the Dark" (Drehbuch: Willy Russell) ist eine short story höchstens zehn Seiten lang. Ein Abend in Liverpool, der letzte Abend vor der Hochzeit: Linda geht mit ihren Freundinnen in eine Discothek, Dave kommt mit seiner Clique zufällig auch dorthin. Die Braut und der Bräutigam dürfen sich nicht sehen, sonst geschieht ein Unglück. Aber dann trifft Linda ihre Jugendliebe Peter wieder, dessen Band heute abend im "Bransky’s" auftritt. So geschieht das Glück: eine Flucht aus Liverpool.

Eine winzige Geschichte, für ein Fernsehspiel viel zu kurz. Ockrent macht daraus einen großen Kinofilm über Liverpool und eine Jugend in England, über die, die im Licht auf der Bühne stehen, und die anderen, die unten durch das Dunkel tanzen. "Dancin’ thru the Dark" erzählt von dem einen, einzigen Abend, an dem sich die Verlierer des Lebens von den Gewinnern trennen, die aus Liverpool Entkommenen von den Daheimgebliebenen, die Spießer von den Träumern, die kleine von der großen Welt. Jeder Moment ist ein Moment der Entscheidung. Deshalb ist kein Bild in diesem Film verloren.

Kino ist keine Frage des Budgets. Kino, das ist, wenn es um das ganze Leben geht statt nur um einen Fall, ein Thema, ein Sujet. Wie bei Ockrent. Und nicht bei Morahan. Das ist der Unterschied, sonst nichts. Andreas Kilb