Die neue Bundesrepublik: eine Macht in der Mitte Europas

Von Timothy Garton Ash

Ein paar Wochen vor dem 3. Oktober hatten wir einen Gast in Oxford, einen jungen Mann. Als Sohn eines ganz außergewöhnlichen und bewundernswerten Pfarrers aus Ost-Berlin war es ihm verwehrt worden, das Abitur zu machen. Als ich ihm im Frühsommer 1989 besuchte, im vertrauten Pfarrhaus hinter der Mauer, beschrieb er mir, auf welch brutale Weise die kleinen Demonstrationen gegen die Fälschung der Kommunalwahlen im Mai und gegen die Haltung der SED-Führung zu den Gewalttaten am Tiananmen-Platz aufgelöst worden waren. Hier, in diesem Garten, hatten sich die Demonstranten versammelt. Dort, in jener Straße, waren sie fortgeschleppt worden – die Polizei hatte sie an ihren langen Haaren über das Kopfsteinpflaster gezerrt. Er war blaß, nervös und zornig.

Im Frühherbst 1989 schrieb er mir aus West-Berlin. Er war über die ungarische Grenze nach Österreich geflohen. Das Leben im Westen erschien ihm irgendwie ärmer als im Osten, "innerlich ärmer", schrieb er. Trotzdem war er froh, hier zu sein, "und", so schrieb er, "ich hoffe es zu bleiben". Aber die Trennung von seiner Familie, nur wenige Kilometer entfernt in Ost-Berlin, war sehr bitter. Seine jüngeren Geschwister bestanden darauf, mit ihrer Mutter an eine Stelle nahe der Mauer zu gehen. Sie stellten sich auf ein paar Betonblöcke, um ihren großen Bruder wenigstens sehen zu können. Eine entfernte Gestalt, die von einem S-Bahnsteig auf der anderen Seite winkte.

Nun, im Herbst 1990 war er ein anderer Mensch: braungebrannt, entspannt, zuversichtlich. Er war gerade zum ersten Mal in Amerika gewesen. "That’s great", wiederholte er fortwährend. Er war auf dem Weg zu einer Sprachenschule, um sein Englisch zu verbessern. Doch Weihnachten würde er schon wieder nach Berlin fahren, um bei seiner Familie zu sein. Plötzlich war er Bürger eines freien, blühenden und – wagt man es wirklich zu sagen? – normalen Landes.

Das Wort "Befreiung" hat eine lange, problematische Geschichte in Mitteleuropa, ganz besonders seit der sowjetischen "Befreiung" von 1945; doch es gibt Zeiten, wo wir selbst die beflecktesten Worte zurückfordern sollten. Dies war, in einem einzelnen Leben, Befreiung.

Als ich dann am 3. Oktober gegen halb drei Uhr morgens durch Frankfurts Straßen schlenderte, fragte mich Adam Michnik, einer der Helden der polnischen Selbstbefreiung: "Jetzt sag mir mal, Tim, was empfindest du wirklich bei der deutschen Vereinigung?" Ich antwortete: "Weißt du, ich bin wirklich froh drüber. Denn jetzt sind sechzehn Millionen Menschen frei, die es zuvor nicht waren." Und für mich ist dies das Eigentliche. Für mich ist der 3. Oktober nicht so sehr der Tag der deutschen Einheit. Es ist der Tag der deutschen Freiheit. Natürlich hat diese Freiheit ihre Grenzen, auch ihre Schattenseiten. Aber es war Unfreiheit, die ich vor zehn Jahren aus erster Hand in Ost-Berlin erlebte, erniedrigende, quälende, lähmende Unfreiheit; und es ist Freiheit, die meine ehemaligen Nachbarn aus der Erich-Weinert-Straße am Prenzlauer Berg heute erleben, unbequeme, beängstigende, vielleicht sogar gefährliche Freiheit – aber trotzdem Freiheit.