Von Hans Conrad Zander

Kennt ihr das Paramenten-Geschäft in der Komödienstraße zu Köln am Rhein? Im ganzen Land gibt es kein zweites Geschäft mit so erlesenem Weihrauch. Ist der Advent gekommen, so zieht es mich, Jahr für Jahr, mit der großen Weihrauchbüchse unterm Arm, hin zu diesem Kölner Laden. Und da kein anderer Kunde heute noch soviel Weihrauch kauft wie ich, schenkt mir die Verkäuferin jedesmal verstohlen einen frommen Schwatz. Dieses Jahr freilich wirkte sie zum ersten Mal verstimmt. „Gerade“, vertraute sie mir an, „war der Vertreter für Weihnachtskrippen da. Sie wissen, von dieser Firma in Südtirol.“ Ich nickte. Der Beitrag dieser Firma zur neuen, kreativen Liturgie ist allgemein bekannt, wenn auch von mir nicht so geschätzt wie von so vielen andern. Was mochten die Südtiroler Modernisten als neuesten Fortschritt in der Frömmigkeit angerichtet haben? „Sie werden es nicht glauben“, seufzte die Verkäuferin, „die haben jetzt eine modernisierte Weihnachtskrippe im Angebot.“

Hilflos versuchte ich, mir vorzustellen, was an der Krippe von Bethlehem überhaupt modernisierbar sei, als die Verkäuferin ihre Stimme senkte: „Stellen Sie sich vor, die haben sich nicht geschämt, zu den alten Figuren von Ochs und Schaf und Esel hinzu vor die Krippe Jesu Christi als modernen Gag ein Schwein zu stellen.“

Einen Augenblick schwieg sie vor verhaltener Erregung. „Ich war selber mit einer Studienreise in Bethlehem“, fuhr sie dann fort, „ich habe die Weiden Palästinas mit eigenen Augen gesehen und die Schafe drauf. Ziegen sieht man dort manchmal auch. Aber Schweine? Wenn die in Südtirol schon keinen Respekt mehr haben vor der katholischen Tradition, dann sollten sie wenigstens Rücksicht nehmen auf den christlich-jüdischen Dialog. Jesus war ein Jude. Ein Schwein in einem jüdischen Stall, das ist ein Sakrileg!“

Ich bin ein Mensch, der anderen am liebsten recht gibt. Diesmal freilich, die Weihrauchbüchse fester klemmend unterm Arm, entschloß ich mich zum Widerspruch. „Junge Frau“, sagte ich so väterlich als möglich, „Sie wissen, daß die alten Dinge in der Kirche meinem Herzen näherliegen als die neuen. Doch dürfen wir die Sehnsucht des Herzens nicht verwechseln mit der Wirklichkeit der Welt. Wichtiger als das getreue Festhalten alter Dinge ist deshalb letzten Endes doch die mutige Öffnung hin zur Gegenwart. So können auch die Tiersymbole vor der Krippe Jesu nicht immerdar historisch bleiben. Ochs und Schaf und Esel mögen historisch sein, doch verkörpern sie symbolisch eine fromme Harmlosigkeit, die auf den heutigen Menschen verstaubt und langweilig wirkt, bigott und unaufrichtig. So war es sicher höchste Zeit, die moderne Welt zur Krippe Jesu zuzulassen. In der neuen, aufregend ehrlichen Symbolgestalt des Schweins.“

Diese kleine Geschichte entnahmen wir dem Bandchen von Hans Conrad Zander „Von der Religiosität der Katzen – 24 Sonntagsweisheiten’, erschienen im Lit Verlag Munster/Hamburg